Der Ulreich von der Insel

von Redaktion

Loris Karius steht oft im Schatten anderer Torhüter – dabei ist Liverpools Nummer 1 der beste Schlussmann dieser Champions League-Saison

München – Sie werden weiterhin nicht richtig schlau aus diesem Loris Karius. Wenn jemand weiß, für welches Gütesiegel deutsche Torhüter stehen, dann die Menschen jenseits des Kanals. Auf der britischen Insel wurden viele große Fußballer geboren, doch darunter war nie ein großer Torwart. Als Jürgen Klopp im Sommer 2016 seinen Landsmann Karius als Nummer 1 zum FC Liverpool lotste, erschien das vielen logisch. Die deutsche Expertise ist in diesem Fachbereich unanfechtbar. Aber Karius hat sich erst in letzter Zeit stabilisiert. Und leistet sich weiter Patzer. Als sei die Luft in England einfach nichts für Torhüter.

Karius ist in dieser Saison statistisch gesehen der beste Torwart der Champions League. Sechs Mal spielte er zu Null, auch deshalb stehen die „Reds“ heute Abend im Halbfinale gegen den AS Rom. Die Generalprobe ging am Samstag aber daneben, und weil da auch der Torwart seinen Teil beitrug, werden die Briten eben nicht so richtig schlau aus ihm. Beim 2:2 gegen West Bromwich Albion machte er beim zweiten Tor keine gute Figur. Beide Treffer resultierten aus Standards, da haben die Liverpooler generell eine Schwäche. Das betrifft die Kernkompetenz des Keepers.

Karius ist so etwas wie der Sven Ulreich von der Insel. Er steht im Schatten anderer, er wird unterschätzt, Klopp aber attestiert ihm „außergewöhnliche Fähigkeiten“. Der Trainer hat dazu eine ganz eigene Logik. „Schaut“, sagte er den skeptischen Reportern neulich, „wäre er kein guter Torwart, dann wäre ich der größte Idiot der Welt, ihn aufzustellen.“ Zuletzt ließen Klopp und sein Torwart im Viertelfinale den Top-Favoriten Manchester City dumm dastehen.

Der 24-jährige Karius hat, das passt zu seinen wechselhaften Leistungen, bisher eine kurvenreiche Karriere hingelegt. Als Teenager sorgte er bei Ulm und dem VfB Stuttgart für so viel Aufsehen, dass ihn Manchester City mit 16 Jahren nach England lockte. Drei Jahre stand er bei den „Citizens“ unter Vertrag, ehe er nach Mainz weitergereicht wurde. Dort musste er sich lange hinter Heinz Müller und Christian Wetklo in Geduld üben. Doch dann schaffte er den Sprung in den Kasten. Nach 91 Spielen holte ihn Klopp nach Liverpool.

Bei den „Reds“ brach er sich die Mittelhand und startete danach mit Patzern. Die Nummer 1 ging an den Belgier Simon Mignolet, und er musste sich heranarbeiten, bis Klopp zumindest eine Arbeitsteilung der Keeper testete. Im Januar aber legte er sich auf seinen Landsmann fest. „Kein Torwart auf der Welt macht keine Fehler“, sagt der Coach, „idealerweise macht man in den ersten 50 Spielen keinen einzigen Fehler, dann halten dich die Leute für den Größten. Dann kannst du drei Gegentore am Stück verschulden und die Leute sagen immer noch: ,Aber der ist Weltklasse!’ Loris hatte nun ein paar gute Spiele – das ist gut für ihn und gut für uns.“

Heute Abend wäre es für Karius besonders gut, wenn er wieder stark hält und seine Serie ausbaut. Roms Tor hütet Alisson Becker. Den Brasilianer haben die Liverpooler als mögliche neue Nummer 1 im Visier. Dummerweise werden sie nicht richtig schlau aus Karius. Brauchen sie denn überhaupt eine neue Nummer 1? ANDREAS WERNER

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