München – Der EHC München war kollektiv verstimmt. Die Mannschaft verrammelte sich in der Kabine. Kein Spieler wollte sprechen, wie er das fünfte Finalspiel in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) erlebt hatte. Nach außen wurde lediglich die Botschaft transportiert, dass das Team das Tor der Eisbären Berlin zum 6:5 in der Verlängerung für irregulär halten würde. Auch Trainer Don Jackson hatte zuvor erklärt: „Meine Meinung: Das Tor war verschoben.“
Es ist in der Tat eine komplizierte Sache. Tatsächlich war Münchens Torhüter Danny Aus den Birken in dieser Szene behindert worden. Berlins lettischer Stürmer Rihards Bukarts räumte den EHC-Goalie ab. Allerdings: Bukarts hatte keine andere Wahl, er konnte von sich aus nicht ausweichen, weil sein Lauf- und Rutschweg von Michael Wolf (München) bestimmt wurde. Am Ende lag da ein Knäuel aus drei Menschen, zwei im München-Blau, einer im Berlin-Weiß, und das Tor war aus der Verankerung gerissen. „Ihr Spieler schiebt unseren Spieler, dann ist es ein Tor“, sagte Jamie MacQueen, der diesen Treffer nach 76 Sekunden der Verlängerung erzielte. „Es war wichtig, dass Bukarts den Zug zum Tor hatte“, erklärte Thomas Oppenheimer von den Eisbären.
Was die Schiedsrichter Martin Rohatsch und Gordon Schukies bei Sichtung des Videomaterials entscheiden mussten: War das Tor noch nicht verschoben, als der Puck MacQueens Schläger verließ? Es ist eine Sekundenbruchteilangelegenheit. Die Referees befanden: Da stand das Tor noch fest. Als der Puck einschlug, war dies nicht mehr der Fall – aber eben nicht ausschlaggebend.
Erstmals seit drei Jahren hat der EHC München in einer Playoff-Serie mehr als eine Niederlage hinnehmen müssen. Das 5:6 n.V. war die zweite (nach dem 3:4 zum Auftakt, auch das zuhause), die Serienführung beträgt nur noch 3:2. Heute schon steht Spiel sechs an, in der Berliner Arena (19.30 Uhr). Käme es zu einem siebten Match in diesem Best of Seven, wäre es am Donnerstag (19.30 Uhr) in München.
Dass die Eisbären im fünften Spiel nicht die Statisten der Münchner Meisterfeier sein, sondern ein Comeback schaffen würden, war für den neutralen Beobachter überraschend, der den 4:2-Erfolg des EHC am Freitagabend in Berlin als Schlüsselspiel der Serie erachtet hatte. Die Eisbären-Cracks selbst indes bezogen aus der Heimniederlage noch Energie. „Wir hatten Supereishockey gespielt, nur zu wenig Tore geschossen“, sagte Thomas Oppenheimer, „deshalb war ich zu hundert Prozent überzeugt, dass es für uns weitergeht“.
Oppenheimer, 29, gelang beim 6:5 in München sein erstes Playoff-Tor der Saison. Vor den Augen etlicher Verwandten und Bekannten. Er ist gebürtiger Peißenberger, ging in Weilheim aufs Gymnasium, Thomas Müller, der Fußballstar, war sein Schulfreund; die Verbindung der beiden Sportler hielt, Oppenheimer ist auch Trauzeuge bei Müllers. Nur zu einem Eishockey-Besuch vom einen Thomas bei einem Spiel des anderen hat’s dieses Jahr noch nicht gereicht. „Der Schulfreund“, sagt Oppenheimer, „ist ja bekanntlich ziemlich eingespannt. Doch er ist über Liveticker dabei.“
Seine besten Eishockey-Jahre hatte Oppenheimer bei den Hamburg Freezers, er wurde Nationalspieler. Nach der Abmeldung des Klubs 2016 wechselte er zum ERC Ingolstadt und ein Jahr danach zu den Eisbären. Er ist Außenstürmer, der im Powerplay auch als Verteidiger eingesetzt wird. Trainer Uwe Krupp hat eine Überzahl-Formation mit fünf geleernten Stürmern gebastelt – was für das Alles-oder-nichts-Eishockey steht, das die Berliner in ihrer jetzigen Situation spielen müssen.
Sie haben im Finale ihre beiden Heimspiele verloren, aber nicht den Glauben daran, dass sie mit ihrem Publikum in der 14 200-Plätze-Arena stärker sein müssten als auswärts – obwohl sie überallhin zahlreich begleitet werden. „Gut, dass wir noch einmal vor unseren Leuten spielen“, sagt Oppenheimer.
Die Berliner haben sich als wehrhaft erwiesen – ist das berühmte Momentum nun auf ihrer Seite? Thomas Oppenheimer: „Ich habe das Momentum nie bei München gesehen.“