München – Das Halbfinale der Champions League hat Andrej Schewtschenko ausgelost – er ist also quasi „schuld“ an der Paarung Bayern gegen Real Madrid. Der Laureus-Botschafter, der aktuell als Nationaltrainer der Ukraine arbeitet, analysiert im Interview die Situation.
-Herr Schewtschenko, wer sind Ihre Favoriten auf den Titelgewinn?
Jedes Team, das jetzt noch im Wettbewerb steht, hat Argumente. Natürlich verrate ich nicht zu viel, wenn ich sage, dass Real Madrid und der FC Bayern die besten Aussichten haben. Sie haben die Erfahrung, wie man gewinnt.
-Die Blicke werden auf Robert Lewandowski ruhen, dem Wechselgelüste zu Real nachgesagt werden – ist er aktuell der beste Vollstrecker der Welt?
Er ist einer der Besten, definitiv. Es ist schwer zu sagen, ob er den FC Bayern in Richtung Real verlassen muss. Bayern ist auch ein sehr großer Klub. Seine Qualitäten sind phänomenal: Sobald er im Strafraum den Ball hat, trifft er. Ein großer Stürmer muss Tore machen. Und das macht er.
-Passt er überhaupt zu Cristiano Ronaldo? Oder ist Harry Kane die bessere Ergänzung, denn Real buhlt ja auch um den Briten.
Kane ist ein fantastischer Fußballer, das beweist er seit einigen Jahren. Er macht den Unterschied aus, hebt seine Teams, Tottenham und auch das englische Nationalteam, auf ein besseres Level.
-Muss er die Tottenham Hotspurs verlassen, um ein Großer zu werden?
Tottenham ist auch ein großartiges Team. Sie spielen unter Mauricio Pochettino mit den schönsten Fußball in Europa. Ich habe so etwas lange nicht mehr gesehen. Aber wenn wir über große Spieler sprechen: Bei Real Madrid haben wir dieses Jahr wieder gesehen, wie wichtig individuelle Klasse ist. Cristiano Ronaldo ist da, wenn man ihn braucht. Er trifft auch, wenn sein Team eine schwere Phase hat. Große Spieler können die Dynamik eines Spiels ändern. Auch unter Druck. Ronaldo misst sich nur an höchsten Zielen. Und er überzeugt immer, wenn es darauf ankommt. Geht es Ronaldo gut, geht es Real gut.
-Was sind Ihre Erwartungen vor der anstehenden WM in Russland?
Es wird aufregend. Deutschland, Brasilien, Argentinien sind meine Top-Favoriten. Auch Belgien habe ich im Blick, aber im Grunde schaue ich doch eher auf die traditionellen Anwärter.
-Ist Deutschland als Weltmeister Top-Favorit?
Ja. Sie haben die beste Organisation und eine unglaubliche Qualität. Das ist das Produkt von hervorragender Arbeit über viele, viele Jahre. Jedes Jahr kommen junge Spieler hoch, die sich auf höchstem Level zurechtfinden. Das hat man erst jetzt wieder beim Confed Cup gesehen.
-Aber im Sturm fehlt eine Größe. Wie sehen Sie dieses Problem, da Sie ja einer der größten Stürmer Ihrer Zeit waren?
Stimmt, da hat Deutschland ein Problem. Aber ich sehe das als nicht so gravierend an. Wenn du keine Stürmer hast, stellst du dein System um: Deutschland hat viele starke Mittelfeldspieler, sie können das kompensieren. Sie kommen mehr aus der Tiefe. Ich sehe das nicht als großes Problem bei dem Team. Deutschland hat so viele Möglichkeiten. Ich bin ein großer Bewunderer von Joachim Löw und seiner Philosophie. Ich mag die Art, wie er Deutschland Fußball spielen lässt.
-Ist er ein Vorbild für Sie als Trainer der Ukraine?
Ich mache gerade meine ersten Erfahrungen, habe jetzt einen Vertrag bis zur EM 2020. Dieses Turnier ist unser Ziel. Ich möchte meinen Fußball entwickeln, habe meine Vision von diesem Spiel und möchte das jetzt mit dem Nationalteam umsetzen.
Interview: Andreas Werner