München – Die Spanierin Garbine Muguruza, 24, spielt in dieser Woche in Stuttgart beim stark besetzten Porsche Grand Prix. Sie gewann im vergangenen Jahr in Wimbledon, 2016 bei den French Open in Paris, und den bisher letzten ihrer insgesamt sechs Turniertitel schnappte sie sich Anfang April in Monterrey/Mexiko. Im September/Oktober 2017 stand sie ingesamt vier Wochen an der Spitze der Weltrangliste, im Moment ist sie die Nummer drei.
-Wie würden Sie Ihre Beziehung zum Tennis beschreiben? Liebesgeschichte? Wachsende Leidenschaft? Perfekter Job?
Hmm. Wachsende Leidenschaft, würde ich sagen. Ich habe sehr jung begonnen, und Tennis ist alles, das was ich jemals getan habe. Es macht mich glücklich.
-Ihre Familie verließ Venezuela, das Heimatland ihrer Mutter, als Sie sechs Jahre alt waren. Haben Sie noch Familie dort, fahren Sie gelegentlich hin?
Da gibt es eine große Familie meiner Mutter. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich zum letzten Mal dort war. Es ist schwer, Venezuela zu besuchen, weil es dem Land schon länger nicht gut geht. Ich würde gern wieder hinfahren, wenn sich die Situation ein wenig gebessert hat und wenn alles ein bisschen normaler ist.
-Gibt es einen großen Unterschied in der Mentalität der Menschen in Venezuela und in Spanien?
Die Spanier sind sehr europäisch, sehr aktiv und ein bisschen ernsthafter im Vergleich zu den Leuten in Südamerika, die total entspannt, offen und fröhlich sind. Ich glaube, in mir steckt ein bisschen von beiden Seiten, und das ist gut.
-2014 gewannen Sie Ihren ersten Titel auf der WTA Tour. Können Sie sich an das Gefühl danach erinnern?
Ich erinnere mich gut, weil ich vorher eine Operation hatte und es ziemlich dramatisch war und kurz danach habe ich das Turnier gewonnen. Das war so eine Erleichterung! Es sieht ja keiner, wie viel harte Arbeit du da reinsteckst. Die Leute sehen nur einen hübschen Centre Court und glauben, alles sei nett. Aber so ist es nicht. Als ich den Titel gewann dachte ich: Ich kann es schaffen! Das gab mir eine Menge Stärke.
-Nachdem Sie 2015 Ihr erstes Wimbledon-Finale verloren hatten, sagte Serena Williams bei der Siegerehrung: Ich bin sicher, dass du bald einen Grand-Slam-Titel gewinnen wirst. Haben Sie ihr in dem Moment geglaubt?
Ja, weil ich es ins Finale geschafft hatte. Und weil ich wusste, dass ich das wieder schaffen kann. Ich hab damals realisiert, dass ich eine der Besten sein kann, und es ist ein großer Unterschied: Gut zu sein oder zu den Besten zu gehören. Damals hab ich begriffen: Ich hab die Fähigkeiten, das Talent, die Leidenschaft. Das hat mir die Augen weit geöffnet.
-Im Jahr danach besiegten Sie Serena Williams dann im Finale der French Open. Kam Ihnen da nochmal in den Sinn, was sie Ihnen in Wimbledon quasi versprochen hatte?
Mir kamen viele Sachen in den Sinn. Ich dachte daran, dass ich 2015 ein Finale erreicht hatte, dass sich aber eigentlich keiner daran erinnerte. Jeder erinnerte sich nur an den Sieg von Serena. Ich hatte danach das Gefühl: Wenn du nicht gewinnst, interessiert sich kein Mensch für dich. Als ich dann also die nächste Chance hatte, bin ich mit der Einstellung ins Spiel gegangen: Leute, ich will nicht vergessen werden. Ich war so motiviert, ich war mir der Bedeutung des Ganzen viel mehr bewusst.
-Ich schätze, Sie stehen als spanische Tennisspielerin immer und überall im Schatten von Rafael Nadal. Richtig?
Oh, ja.g
-Wie groß ist der Schatten?
Ehrlich, der ist sooo groß – aber nicht nur für Spanier. Aber ich bin ja gar nicht am schlimmsten dran, das sind Spieler wie David Ferrer, der so gut ist und so hart arbeitet und kaum gesehen wird, weil die Leute sich nur für Rafa interessieren.
-Womit beschäftigen Sie sich gern?
Ich mag vieles. Kino, Tanzen. Und ich mag Mode. Ich hab mit Design angefangen, weil mir das hilft, und ich hoffe, dass ich das weiter entwickeln kann. Tennis allein ist mir zu wenig für mein Leben.
-Wenn man Sie bei offiziellen Terminen wie beim Champions Dinner in Wimbledon oder bei der Oscar-Verleihung sieht, tragen Sie sehr schöne Kreationen. Suchen Sie die selbst aus oder hilft jemand?
Es gibt ein paar Leute, die mich beraten, aber ich bin immer stark involviert. Das macht mir viel Spaß, und ich versuche, mich so gut wie möglich zu informieren. Es gibt einfach Gelegenheiten, bei denen du hübsch aussehen willst. Wenn ich vom Tennisplatz runter bin, will ich Highheels tragen. Ich bin meist overdressed, selbst wenn ich zum Supermarkt gehe, aber das ist mir egal.
-Mögen Sie ein bisschen über die Oscar-Verleihung erzählen, bei der Sie auf Einladung eines Ihrer Sponsoren dabei waren?
Es war außergewöhnlich. Manchmal dachte ich: Was mache ich eigentlich hier unter so vielen berühmten Leuten? Natürlich werden die besten Filme gefeiert, und manches hat Tiefgang. Aber irgendwie ist dieser Tag vor allem zum Posieren und solchen Sachen da. Es war eine sehr andere Erfahrung im sehr anderen Umfeld der Filmindustrie, und es hat Spaß gemacht.
-Die Oscar-Verleihung ist Hollywoods größter Tag, das Wimbledon-Finale ist der beste im Tennis. Sehen Sie Ähnlichkeiten an diesen sehr speziellen Tagen?
In Wimbledon spiele ich, da gehöre ich nicht zum Publikum. Aber da geht es viel ehrlicher zu. Die Oscars sind ein großer Zirkus, das ist total oberflächlich. Natürlich dauert es manchmal Jahre, einen besonderen Film zu drehen, aber die echten Gladiatoren spielen in Wimbledon.
-Beschreiben Sie sich doch bitte mal ein bisschen. Sie machen den Eindruck, als seien Sie ziemlich entspannt …
Ich denke, das bin ich auch. Ich möchte meine Natürlichkeit nicht verlieren, auch nicht meine Offenheit. Und ich halte mich für eine sehr aktive Person. Im Urlaub nach einem Tag auf der Couch muss ich wieder was tun.
-Wenn Sie sich aus der Geschichte des Tennis einen Partner und Gegner fürs Mixed und aussuchen könnten, für wen würden Sie sich entscheiden?
Also – ich würde mit Roger Federer spielen. Wahrscheinlich wäre Rafa auch dabei. Ach, vielleicht spiele ich doch mit Rafa, und auf der anderen Seite könnten Roger und Martina Hingis stehen. Das wäre nett: Spanien gegen die Schweiz.
-Haben Sie eine Lieblingserinnerung an ein bestimmtes Spiel? Vielleicht an eines Ihrer eigenen?
Ja, wahrscheinlich eines von meinen. Weil ich es bin, der sie erlebt hat. Ich würde sagen, mein Finale der French Open wäre dabei. Von anderen Spielern? Vielleicht ein Finale der Williams-Schwestern von den US Open.
-Warum eines der beiden?
Vielleicht liegt es daran, dass ich ihnen zuschaue, seit ich ein kleines Mädchen bin. Das ist, wie der Tennisgeschichte zuzusehen. Die beiden haben das ganze Ding wirklich im Griff.
-Haben Sie Serenas Tochter schon gesehen?
Bis jetzt noch nicht. Aber das wird sicher noch passieren.
-Könnten Sie sich vorstellen, mit einem Kind weiterzuspielen?
Nein, ganz bestimmt nicht. Aber das ist etwas, was ich jetzt sage, und ich bin sicher, wenn Sie Serena früher gefragt hätten, hätte sie dazu auch nein gesagt. Ich werde ein Kind haben, wenn ich den Schläger weggelegt habe. Serena spielt für die Geschichte – das tue ich nicht.
-Wofür dann?
Weil ich es liebe. Ich will meine eigene Geschichte schreiben. Ich bin nicht darauf aus, 30 Grand-Slam-Titel zu gewinnen. An meinem letzten Tag als Tennisspielerin möchte ich zufrieden sein. Und stolz darauf, was ich erreicht habe.
Das Interview führte Doris Henkel