Illertissen – Es war noch einmal eines dieser Reiseziele, das nostalgische Erinnerungen wecken wird, wenn die Löwen nächstes Jahr wirklich in der 3. Liga spielen sollten. Das Vöhlin-Stadion in Illertissen bot alles, was den Reiz der semiprofessionellen Regionalliga Bayern ausmacht. Bratwurst-Geruch, der sich über den Rasen legt, Partymusik aus scheppernden Boxen, dazu freundliche Ordner und Fans, die es sich wie Festival-Publikum auf angrenzenden Hügeln gemütlich machten. Was lange Zeit nicht zum stimmungsvollen Rahmen passte, war das Spiel zwischen dem örtlichen FVI und dem Altmeister aus Giesing.
Nach einer Stunde ohne große Höhepunkte war es der zuvor eingewechselte Benjamin Kindsvater (68.), der die 4800 Zuschauer im schon dämmrigen Licht doch noch mal in Wallung brachte. Und da Nico Karger wenig später das 0:2 draufsetzte (73.), das zugleich den Endstand bedeutete, wurde am Ende sogar ein bisschen gejubelt. Zwar hatten auch die Bayern ihr Spiel in Pipinsried siegreich gestaltet (4:1), doch neun Punkte und das um 16 Treffer bessere Torverhältnis sind für die Löwen eine perfekte Ausgangslage, um am Sonntag im Stadtderby auch die letzten rechnerischen Zweifel zu beseitigen.
Die Offiziellen sahen das (offiziell) natürlich anders. „Ein Punkt fehlt uns ja immer noch“, merkte Geschäftsführer Michael Scharold an und fügte mit einem listigen Lächeln hinzu: „Natürlich wäre es am schönsten, wenn wir den jetzt im Derby gegen die Bayern holen sollten.“ Was die Qualität des Spiels anging, beließ er es bei einer diplomatischen Aussage: „Der Gegner ist sehr tief gestanden, aber nach dem 1:0, als dann ein paar Räume da waren, sah es doch ganz gut aus.“
Geografisch gesehen war das gestrige Spiel eine gute Vorbereitung auf die nun wieder ein Stückchen wahrscheinlichere Aufstiegs-Relegation. Der Grund: Gegner Illertissen, im bayerisch-württembergischen Grenzland gelegen, gehörte bis vor sechs Jahren dem südwestdeutschen Verband an, aus dem auch der Playoff-Kontrahent der Löwen kommen wird. Seit knapp vier Wochen steht ja fest, dass sich der TSV 1860 mit einem Topklub der Regionalliga Südwest auseinandersetzen muss. Welcher genau es sein wird – Tabellenführer Saarbrücken oder einer der beiden Verfolger, Waldhof Mannheim oder SC Freiburg II – werden Verein und Öffentlichkeit am Freitag erfahren. Um 18.30 Uhr, vor dem Drittligaspiel Unterhaching gegen Aalen, werden live im Sportpark die exakten Paarungen gezogen. Ab da kann er endlich beginnen, der weißblaue Countdown im Hinblick auf den 24./27. Mai.
Vor dem Hintergrund, dass die Ligaspiele weniger werden (jetzt nur noch drei), war auch erwartet worden, dass Daniel Bierofka den großen Hoffnungsträger Timo Gebhart in den Kader nehmen würde. Gebhart hatte noch am Montag den Eindruck erweckt, hochmotiviert und topfit zu sein („Ich fühle mich gut“). Jedoch: Bierofka hat mal wieder alle überrascht, Gebhart inklusive. Gipfel der Überraschung: Der zunehmend ungeduldige Spielmacher saß erneut nur im Freizeitlook auf der Bank. „Ich denke, wir machen das genau richtig“, kommentierte Scharold im Sinne des Trainers.
Restlos glücklich war naturgemäß Benny Kindsvater, der sein Türöffner-Tor mit einem enthemmten, halbnackten und mit Gelb geahndeten Jubellauf feierte. „Es war einfach befreiend“, sagte er über seinen Geniestreich, kaum dass er den Rasen betreten hatte: „Es war schwierig zu spielen hier, Illertissen ist schließlich keine blinde Mannschaft.“ Gefragt, ob das wohl das Tor zum Titel gewesen sei, stapelte auch er tief: „Im Fußball ist alles möglich. Wir konzentrieren uns jetzt aufs Derby und werden dann 100 Prozent gegen die Roten raushauen.“ Torhüter Marco Hiller deutete zumindest an, dass das Titelrennen wohl gelaufen ist: „Es schaut gut aus. Drei rabenschwarze Tage werden wir nicht erwischen. Und am Ende werden wir auf Platz eins stehen.“ Und trotzdem: Auf der Heimfahrt wollten er und die weißblauen Quasi-Meister artig sein: „Im Bus wird gleich eine Cola stehen – mehr auch nicht.“