München – Jupp Heynckes legt Wert auf die Feststellung, dass er sich im Hier und Jetzt sehr wohl fühle. „Ich lebe in der Gegenwart“, sagt der Trainer des FC Bayern, alte Spiele seiner Mannschaften schaue er sich aus Prinzip nicht an. Das hindert ihn aber nicht daran, gelegentlich subtile Hinweise auf seine Karriere auf dem Rasen und an der Seitenlinie zu platzieren. Zum Beispiel an jenen Mai-Abend 1998 in Amsterdam.
Heynckes war damals Trainer bei Real Madrid und führte den Klub zum ersten Titel in der Champions League (nach sechs Erfolgen im Cup der Landesmeister). Das 1:0 über Juventus Turin beendete eine Durststrecke von 32 Jahren. An diesem Abend habe „Real seine internationale Identität zurückgewonnen“, erinnerte er sich gestern auf der Pressekonferenz vor dem ersten Halbfinal-Duell. Ein „Wir sind wieder wer“ habe den stolzen Hauptstadtverein fortan beseelt.
Alaba muss bis zuletzt bangen
Der Triumph von Amsterdam hat Heynckes seinerzeit nicht vor der Kündigung bewahrt. Zum Verhängnis wurde ihm das enttäuschende Abschneiden in der heimischen Liga. Bis heute ist Real eine Konstante in seinem Trainerleben, angefangen beim denkwürdigen UEFA-Pokal-Aus 1985 mit Mönchengladbach (nach einem 5:1-Hinspielsieg) über das Jahr als Chefcoach in Madrid bis hin zu epischen Duellen mit den Bayern. Dass er heute Abend in seinem allerletzten Champions League-Heimspiel abermals den Männern in Weiß gegenüberstehen wird, ist nur angemessen. „Sie sind für jedes Team ein würdiger Gegner“, sagt Heynckes. Bayern gegen Real, „das hat eine riesige Tradition“.
Man kennt sich so gut und trifft sich dermaßen regelmäßig, dass für Geheimnisse längst kein Platz mehr ist. Pflichtschuldig fragten die Reporter auch gestern nach Cristiano Ronaldo, der selbst in diesem hochkarätigen Ensemble alle in den Schatten stellt. Der Portugiese habe „fast keine Schwächen“, lobte dann auch Jerome Boateng, weswegen man „als Team“ funktionieren müsse, um Schaden abzuwenden. Neu ist das aber nicht.
Dass es für die Bayern eng werden könnte und ihnen ein Gegner die Grenzen aufzeigt, ist seit Monaten nur eine abstrakte Vorstellung. Wann immer der Spielplan scheinbar knifflige Aufgaben bereithielt, hoben Heynckes’ Mannen ihr Leistungsniveau drastisch an, bis selbst nationale Top-Klubs und Champions League-Achtelfinalisten wie DFB-Pokal-Erstrundengegner abgefertigt wurden. Gegen Real wird es nun endgültig konkret. Die Frage, wie es um die Bayern bestellt ist, wenn sie maximal gefordert werden, bekommt endlich eine Antwort.
Eine berühmte Sportlerphrase besagt, für Spiele wie diese arbeite man das ganze Jahr. Umso ärgerlicher, wenn man dann definitiv ausfällt wie Arturo Vidal, dessen robustes Wesen wertvoll gewesen wäre. Oder wenn man zumindest ernsthaft zittern muss wie David Alaba. Der Österreicher musste wegen seiner Oberschenkelprobleme gestern das Abschlusstraining ausfallen lassen, wie bei Corentin Tolisso (Schienbein) entscheidet sich erst heute, ob er dabei sein wird.
Als Alternative stünde Rafinha schon mit scharrenden Hufen bereit. Heynckes schöpft aus einem Kader, dessen harmonisches Binnenklima ihn an 2013, das Jahr des Triples, erinnert. Noch größer als die Anspannung ist deshalb die Vorfreude. Der Trainer ahnt: „Das wird ein Genuss.“