Mit der DNA eines Champions

von Redaktion

Zidane muss die letzte Titelchance nutzen, sonst herrscht schlechte Laune – und die will er bei Real lieber nicht erleben

München – Toni Kroos fasste die ganze Dramatik, die so ein Halbfinal-Duell in der Champions League umgibt, gestern Abend so treffend zusammen wie zuvor kein Zweiter. „Die Ansprüche von Bayern und Real ähneln sich“, sagte der Nationalspieler, als er darum gebeten wurde, seinen Ex-Verein mit seinem jetzigen Arbeitgeber zu vergleichen. Man trete in jedem Wettbewerb an, um am Ende der strahlende Sieger zu sein. Und wenn es dann eben nicht klappt, weil ja nur ein Team diese Königsklasse gewinnen kann, „dann herrscht halt erst mal schlechte Laune“.

Das Gute ist: So richtig schlecht wird die Laune heute gegen Mitternacht wahrscheinlich bei noch keinem Team sein. Denn was im Rückspiel so alles passieren kann, hat Real ja erst im Viertelfinale am eigenen Leibe erfahren. Zur Erinnerung: Cristiano Ronaldo sorgte in allerletzter Sekunde mit dem 1:3 gegen Juventus Turin dafür, dass die Königlichen überhaupt weiter vom Titel-Triple träumen dürfen. Sie tun das alle, ausnahmslos, mit jeder Faser ihrer Körper. Trainer Zinedine Zidane spricht Sätze wie „das ist unsere Bestimmung“ und „die Champions League ist unsere DNA“ aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Dieser Mann, das sah man am Tag vor dem Hinspiel mal wieder, lebt Real Madrid.

Auf dem Podium der Allianz Arena nahm der 45-Jährige am Abend dort Platz, wo fünf Stunden zuvor Jupp Heynckes gesessen hatte. Und während der Bayern-Trainer die Gelassenheit des Alters ausstrahlte, verkörperte „Zizou“ den Enthusiasmus, der ihm in den vergangenen beiden Jahren auf Europas Thron verholfen hat. Die Treppenstufen nahm er im Eiltempo, hoch wie auch 15 Minuten später hinunter. Keine Zeit verlieren, ab auf den Platz.

„Wir müssen ans Maximale gehen“, ließ Zidane verlauten, schickte aber hinterher: „Wir machen uns nicht in die Hose.“ Zwei Sätze, die die Situation von Real im dritten Jahr unter Zidane bestens widergeben. Manchmal genial, manchmal am Rande des Wahnsinns – und vor Augen nur noch diese eine Titelchance, die genutzt werden sollte. Von Favoritenstellung aber wollte der Coach partout nichts wissen.

Wenn man aus Spanien Kritik an der verpassten Meisterschaft vernimmt, muss man sich mal vor Augen führen, was dieser Mann in den vergangenen zweieinhalb Jahren geleistet hat. Als Trainerdebütant bei einem Klub wie Real zu überleben, ist schon eine Leistung. Mit ihm die Champions League zu gewinnen und als Erster überhaupt zu verteidigen, aber eigentlich unvorstellbar. Heynckes verglich Zidane deshalb schon gestern mit den größten Trainern der Geschichte. Es fielen Namen wie Arrigo Sacchi, Johan Cruyff und Marcello Lippi, dem Altmeister imponiere, wie der junge Kollege Fußball spielen lasse und das Geschehen „unaufgeregt“ verfolge. Wer ihn gestern erlebt hat, kann das bestätigen: „Ein Vorzeigetrainer.“

Toni Kroos kennt sie beide, den Alten und den Jungen, und hat mit beiden schon die Champions League gewonnen. „Schlechte Laune“ hat es am Saisonende unter Zidane bisher nicht gegeben. Wenn er ehrlich ist, muss das aber auch heuer nicht unbedingt sein. hanna raif

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