„Müller ist heiß wie Frittenfett“

von Redaktion

Analyse-Experte Erik Meijer über Bayerns Duell mit Real Madrid, Ronaldos Wiedergeburt und Ulreichs Stahlhand

München – Erik Meijer steht heute Abend vor seinem 167. Einsatz in der Champions League – als Analyse-Experte von Sky. Seit 2012 schaut er an jedem Spieltag der Königsklasse den Stars ganz genau auf die Füße. Bei der Partie FC Bayern gegen Real Madrid ist er mit „100% Meijer“ ab 19.30 Uhr auf Sky Sport 1 zu sehen. Im Interview erläutert der 48-jährige ehemalige Erstligaprofi die Ausgangslage.

-Herr Meijer, letzte Woche haben Sie Ihren Vertrag bis 2021 verlängert: Zähe Verhandlungen oder war es als Spieler härter?

(lacht) Es war nicht ganz so kompliziert. Ich bin sehr froh, mache das schon seit sechs Jahren und habe noch immer viel Spaß an den Analysen.

-Sie wühlen sich stundenlang durch Videomaterial. Was rücken Sie bei der Partie FC Bayern gegen Real Madrid in den Fokus?

Bei Bayern ist es das erste Mal seit langem so, dass sie in dieser Saisonphase alle an Bord haben – mit Ausnahme von Arturo Vidal. Das ist ihr großes Plus. Und sie sind alle fit, auch die beiden älteren Herrschaften Franck Ribery und Arjen Robben auf den Flügeln. Bei Real dreht sich sehr viel um Cristiano Ronaldo, ich werde aber darauf aufmerksam machen, dass die Achse Sergio Ramos, Raphael Varane, Toni Kroos, Luka Modric und Casemiro intakt und entscheidend ist. Das ist das Fundament, und weil das Fundament steht, kann Ronaldo vorne so glänzen.

-Ist Ronaldo mit seinen 33 Jahren so gut wie nie?

Irgendwie ja. Er hat sich noch einmal neu erfunden und seinen Stil geändert. Der Flügelflitzer mit Übersteigern und Raketenantrieb ist Geschichte, aber er hat eine Wiedergeburt als Mittelstürmer gefeiert. Sein Radius ist kleiner, das macht ihn effizienter.

-Haben Sie mal einen Fallrückzieher in 2,30 Metern Höhe versucht?

(lacht) Natürlich, regelmäßig. Aber eben nur versucht. Ronaldo ist ein Phänomen. Lionel Messi ist ein Naturtalent, dem der Fußball in die Wiege gelegt wurde. Ronaldo hat auch enorm viel Talent, aber weniger. Er hat sich alles erarbeitet, und das knallhart, wie kein anderer auf diesem Niveau. Er kennt nur das Maximum, sein Stolz, seine Eitelkeit sind sein Antrieb. Ich habe Riesenrespekt vor ihm. Die Leute sehen immer nur die Muskeln und denken nie daran, dass alles an diesem Typen knallharte Arbeit ist.

-Wo ist Robert Lewandowski einzuordnen; ähnliche Klasse? Er träumt von einem Wechsel zu Real.

Lewandowski würde perfekt in das System von Madrid passen. Er ist besser als Karim Benzema. Aber er müsste sich einordnen. Bei Real wäre er nur noch der zweitwichtigste Stürmer hinter Ronaldo. Bei Bayern ist er die Nummer 1. Ich hoffe, er bleibt in München. Er ist für Bayern nicht zu ersetzen, da brauchst du eine Granate, und die ist eigentlich nicht in Sicht – und im Grunde unbezahlbar.

-Losgelöst vom Marktwert: Wer sind die wertvollsten Spieler auf beiden Seiten in Ihren Augen?

Bei Real ist es Sergio Ramos. Er ist der Leader, nicht Ronaldo. Ramos bestimmt, wie gespielt wird. Er ist das Gesicht von Real und steht für diesen Hunger nach mehr, für alle Trophäen in der letzten Zeit. Ramos steht nicht so oft in der Zeitung wie Ronaldo, aber die Bayern erinnern sich nur zu gut, dass er sie auch schon mal fast alleine aus der Champions League geschossen hat. Ramos ist Real, das spricht man in einem Atemzug zusammen aus, diese beiden sind eines. Bei Bayern ist es mit Thomas Müller genauso, er ist die wichtigste Figur der Münchner. Er ist wieder in Großform – die WM steht an, und er ist heiß wie Frittenfett. Er ist fast nicht zu stoppen und hat die Nase, zu spüren, wo er auftauchen muss: Hinter oder neben Lewandowski – das ist nicht einfach, aber er kann das perfekt.

-Wie muss der FC Bayern spielen, um gegen Real weiterzukommen?

Als sie gegen Paris St. Germain 3:1 gewonnen haben, haben sie Paris den Ball sehr oft überlassen – ungewöhnlich für die Bayern. Auch Sevilla haben sie im Rückspiel den Ball oft gegeben. Ich denke, dass es Jupp Heynckes erneut so macht, dass Bayern Real den Ball öfter gönnt, als es in der Liga der Fall ist.

-Wichtig ist auch, die Mitte zu schließen. Ist der Ausfall von Arturo Vidal da mit das Schlimmste, das passieren konnte?

Für mich ist das kein so großer Verlust. Weil er diese Saison nicht gut gespielt hat. Das ist nicht der Vidal, wie ich ihn aus besten Zeiten kenne.

-Aber Ersatz ist nicht so richtig da: Corentin Tolisso ist angeschlagen, Sebastian Rudy und Niklas Süle sind nicht ideal, Thiago spielt deutlich offensiver.

Das stimmt. Wenn Heynckes mit einem zweiten Sechser neben Javi Martinez agieren möchte, würde ich auf Rudy setzen. Er löst die Aufgaben auf eine andere Art als Vidal, spielt sehr schlau, sehr clever, ohne die messerscharfe Grätsche. Ich denke aber, dass Heynckes das Ganze mit einem 4-1-4-1-System löst. Die vier Mittelfeldspieler hinter Lewandowski müssen dann halt etwas mehr arbeiten.

-Martinez wurde unter seinem alten Mentor Heynckes so stark wie nie – was zeichnet ihn aus?

Auf seiner Position musst du das haben, was 80 Prozent deiner Mitspieler nicht haben: Das Wissen, was in dem Moment zu tun ist, wenn deine Mannschaft den Ball verliert. Da sind Sekunden entscheidend: Wo stehe ich in diesem Moment? Wo stehen meine Kollegen? Wie kann ich korrigieren? Das alles beherrscht er, ist dazu schnell, hat ein gutes Tackling, ein gutes Kopfballspiel – da hat man das ganze Paket Martinez. Nebenbei ist er auch noch ein sehr feiner Fußballspieler.

-Wie sehen Sie die Entwicklung von James, der auf seinen eigentlichen Arbeitgeber trifft?

Thiago oder James, das ist die Frage. Ich war von James in den letzten Wochen begeistert, er hat die Bayern an die Hand genommen. Als er in Sevilla reinkam, haben alle viel besser gespielt, nur weil er auf dem Platz war. Alle wussten, den Jungen kannst du immer anspielen, dem gehorcht der Ball. Thiago habe ich im Pokal-Halbfinale in Leverkusen gesehen, da war auch er sehr stark. Da hat Bayern eine gute Auswahl.

-Muss man James verpflichten?

Ein ganz klares Ja. Die 42 Millionen Euro sind bei ihm top angelegt. Auf der Bank bekommst du als Fußballverein keine bessere Rendite.

-Sie sprachen die älteren Herrschaften auf den Flügeln an: Über Robben sagten Sie mal, er sei ein Ferrari – hat er noch das Tempo für Real Madrid? Und Ribery auch?

Ja. Der Ehrgeiz treibt ihn an. Er ist ein Top-Profi. Gegen Leverkusen war er nicht so gut, aber er kann es besser, und Spiele wie gegen Real, das sind seine Spiele. Da wird er top, top, top sein. Genauso Ribery, der seit Wochen wieder sehr stark spielt.

-Sven Ulreich verblüfft alle – ist er aktuell so gut wie Manuel Neuer, oder kommt in einem Spiel wie gegen Real nun das große Nervenflattern?

Er kommt wirklich schon in Richtung Neuer-Niveau. Die Parade in Leverkusen, das war die Stahlhand, das hat mich an Neuer erinnert. Er hat das Vertrauen von Heynckes und seinen Vorderleuten. So kann ein Ulreich über sich hinauswachsen. Er ist athletisch, ein sehr guter Torwart – Bayern muss sich da auch gegen Real nicht sorgen.

-Letztes Jahr spielte der Schiedsrichter eine gewisse Rolle. Was sagen Sie über Björn Kuipers, Ihren Landsmann, der diesmal pfeift?

Ab jetzt ist auch bei den Schiedsrichtern nur noch die Creme de la Creme im Wettbewerb vertreten. Der Unparteiische war auch in der vergangenen Saison nicht der Grund für das Ausscheiden der Bayern. Kuipers ist der beste Schiedsrichter der Niederlande und hat bereits bei mehreren großen Turnieren gepfiffen. Er ist erfahren, ruhig und genießt Respekt bei den Spielern. Ich bin überzeugt davon, dass er das Spiel souverän leiten wird.

-Sie sprachen einmal von der „Jupp-Heynckes-Verfassung“ der Bayern. Was ist sein Geheimnis?

Dass er so menschlich ist. Peter Hermann zeigt den Jungs, wo auf dem Platz die Grenzen sind, und Heynckes führt sie außerhalb des Spielfelds. Ein Tritt in den Hintern, ein gutes Wort – das hat man oder man hat es nicht. Und Heynckes hat davon ganz, ganz viel. Die Spieler merken, wenn ein Trainer echt ist. Sonst durchschauen sie dich schnell. Und bei Heynckes ist alles echt.

-Wer setzt sich durch?

Ich wünsche mir Bayern gegen Liverpool. Das wäre ein richtig geiles Finale mit vielen Geschichten: Zwei deutsche Trainer, zwei unterschiedliche Spielsysteme – wir würden damit ein außergewöhnliches Finale bekommen.

Interview: Andreas Werner

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