Berlin – Berlin war wie besoffen von sich. Es ist noch nicht Schluss mit Eishockey, es geht weiter, noch ein Spiel, in München zwar, aber doch irgendwie auch in der Heimat der Eisbären. „Am Donnerstag hier: großes Public Viewing“, schmetterte der Stadionsprecher der Mercedes-Benz-Arena am Dienstag noch eine letzte freudige Botschaft in die Nacht: Donnerstag, 19.30 Uhr. Das Eishockey erlebt etwas Großes.
Entweder die Vollendung der Comeback-Geschichte der Eisbären Berlin. Am Freitag vergangener Woche in der Best-of-Seven-Serie 1:3 hinten – und sie mussten in München antreten. Nun zwei Siege (6:5 auswärts, 5:3 daheim) geliefert und „den Beweis erbracht: Wir können unter Druck bestehen“, so Stürmer James MacQueen. „Wenn man es verrückt nennen will, dass wir nach 1:3 zurückkommen, dann nennt es verrückt“, sagt Kapitän Andre Rankel.
Er sagt etwas nüchterner: „Im Endeffekt ist nichts passiert: Jeder hat drei Spiele gewonnen.“ Jetzt bleibt eines übrig. Best of One sozusagen. Und in diesem Spiel kann die Geschichte wieder ganz anders geschrieben werden, als sie momentan zu verlaufen scheint. Die Geschichte könnte auch sein: München, der ins Wanken geratene Riese, fängt sich, er spielt seinen Tick Überlegenheit in der Kaderbesetzung aus und könnte am Ende genauso ein Seriensieger sein, dem die Leute mit Respekt begegnen: Motto: Die ganze Saison über waren sie die Besten.
Vier der bisherigen sechs Finalpartien hat die Auswärtsmannschaft gewonnen, daher ist, wer am Donnerstag Heimrecht hat (München), fast zu vernachlässigen. „Heimvorteil ist was für Wettbüros und Medien“, sagt Münchens Trainer Don Jackson. Er war der Coach der Eisbären im Jahr 2012, als diese letztmals die Deutsche Meisterschaft gewannen – nach einem 1:2-Rückstand in der damals noch Best-of-Five-Endspielserie gegen Mannheim. Es ist der Präzedenzfall, an den sich die Eisbären klammern, seit am Sonntag in München der 6:5-Verlängerungssieg gelang.
Daniel Fischbuch, heute 24, spielte damals noch im Nachwuchs der Düsseldorfer EG. Nun wird der Stürmer zu einem Faktor für Berlin, sein Treffer zum 4:1 am Dienstag, sein erster im 17. Playoff-Spiel, erwies sich nachträglich als das „game winning goal“. „War schon ein bisschen glücklich, dass der Puck beim Torwart durch den Arm ging“, sagt er. Doch auf einmal, so scheint es, geht den Eisbären alles leichter von der Hand. Ist das das berühmte Momentum? „Ein kleines bisschen“, findet Fischbuch.
So wird vor dem siebten Spiel, bei dem alle glauben, zwischen zwei in etwa gleich starken Mannschaften werde der Unterschied in den Köpfen festgelegt, das Phänomen Momentum erörtert.
Keiner kann es richtig greifen. Es ist ein Gefühl, dass einen nicht dauerhaft begleitet, es ist flüchtig und launisch. „Das Momentum“, erzählt Patrick Hager vom EHC München, „kreiert sich in den Spielen immer wieder neu, es steht und fällt. Du musst versuchen, wenn du es hast, es möglichst lange zu halten – und wenn du es nicht hast, es schnell zurückzubekommen,“ Das könne plötzlich und unerwartet gelingen: „Etwa, wenn du als Heimmannschaft gerade ein Unterzahlspiel überstanden hast.“
Momentan sind die Münchner vom Momentum etwas entfernt. Das kann man heraushören, wenn Hager sich müht, den Verlauf der Serie als nicht ungewöhnlich darzustellen: „Wer hätte erwartet, dass wir 4:0, 4:1 durchmarschieren? Wir waren auf eine lange Serie eingestellt. Wir waren Erster in der Hauptrunde und treffen auf den Zweiten, wir waren nicht weit auseinander. Jetzt haben wir einen Showdown, auf den sich Eishockey-Deutschland freuen kann.“ Nun ja, am Sonntag hatte München natürlich schon erwartet, mit einem Heimsieg die Serie zu schließen. Das muss Hager dann schon einräumen: „Ärgerlich, dass man den Sack nicht zumacht.“ Nach wie vor besteht der Mittelstürmer darauf, „dass wir mit breiter Brust ins siebte Spiel gehen.“ Kapitän Michael Wolf wünscht sich: „Das erste Tor schießen, dann dreht sich das Spiel wieder.“ Letztmals in Führung lag der EHC München in Spiel vier. Doch vielleicht hat er schon am Dienstag in Berlin durch zwei Treffer in den letzten drei Minuten (von 1:4 auf 3:5) ein Signal gesetzt, dass er jederzeit was im Köcher hat.
„Wir wollen es nicht überanalysieren“, meint Patrick Hager zur allgemeinen Lage. Es wird keine Tricks geben für das letzte Spiel der DEL-Saison, jede Seite wird ihren Plan verfolgen und versuchen, ihn dem Gegner aufzuzwingen. „Ich weiß nicht, wie die Münchner sich fühlen – wir fühlen uns gut“, versichert James MacQueen. Bisher sind 46 Tore gefallen (24:22 für München), 7,66 pro Spiel, ein spektakulär hoher Schnitt für ein Finale. „Das macht es noch unberechenbarer“, sagt Eisbären-Trainer Uwe Krupp.