Die Last des Rampenlichts

von Redaktion

Beim Turnier in Stuttgart muss Julia Görges erkennen, dass ihre neue Führungsrolle auch Schattenseiten hat

VON PIRMIN CLOSSE

Stuttgart – Julia Görges hatte es eilig. Ungeduscht erschien die 29-Jährige unmittelbar nach ihrem krachenden Erstrunden-Aus beim Stuttgarter WTA-Turnier zur Pressekonferenz, stellte sich höflich, aber auch merklich kurz angebunden den Fragen der Journalisten. Görges, das war spürbar, wollte so schnell wie möglich nach Hause. Weg vom Trubel beim Heim-Event, raus aus dem Rampenlicht, einfach nur Ausspannen im beschaulichen Regensburg.

In den Tagen von Stuttgart hatte Görges im Fokus gestanden. Erst als Führungsspielerin im Fed-Cup-Halbfinale gegen Tschechien, dann als Hoffnungsträgerin beim unmittelbar anschließenden Porsche Grand Prix. Für die Weltranglistenelfte waren diese Rollen neu. Ausfüllen konnte sie sie vor allem im Anschluss an das Fed-Cup-Aus nicht.

„Das war eine Lehrstunde für mich“, sagte sie nach ihrer ernüchternden 2:6, 2:6-Pleite gegen die 18 Jahre alte tschechische Qualifikantin Marketa Vondrousova: „Ich bin vielleicht fast 30, aber diese Situationen hatte ich auch noch nicht.“

Görges’ Karriere hat in den vergangenen Wochen und Monaten noch einmal gewaltig an Fahrt aufgenommen. Sie gewann in Serie die Turniere in Moskau, Zhuhai und Auckland, schaffte erstmals den Sprung unter die Top 10 der Weltrangliste und löste Anfang April Angelique Kerber als deutsche Nummer eins ab. Aus einer immer schon talentierten, aber auch etwas phlegmatischen Spielerin wurde eines der Aushängeschilder des deutschen Frauen-Tennis’. Mit allen dazugehörigen Begleiterscheinungen.

Denn beim doppelten Heimspiel von Stuttgart spürte Görges den Druck der Führungsrolle. Sportlich in den Matches gegen bärenstarke Tschechinnen, dazu medial als Postergirl und Werbeträgerin der Veranstaltungen. Das Resultat war, dass sie sich „mental leer“ fühlte. „Körper und Geist“ seien durch das intensive Wochenende inklusive vieler Termine und Verpflichtungen mitgenommen worden, berichtete sie: „Die Spannung hochzuhalten, ist mir unheimlich schwer gefallen.“

Dabei wollte sich Görges über die gestiegene Aufmerksamkeit im Grunde gar nicht beschweren. „Es ist ein Privileg, für sein Land zu spielen und auch sonst so im Fokus zu stehen“, sagte sie: „Ich möchte diese Emotionen nicht missen.“ Noch war sie mit der Situation allerdings überfordert: „Ich habe es am Montagmorgen schon gemerkt, dass es verdammt schwierig wird.“

Es gehört wohl zum Reifeprozess eines Tennisprofis, nach dem ersten echten Höhenflug auch den Umgang damit zu lernen. Nachzufragen wäre dies unter anderem bei der zweimaligen Grand-Slam-Siegerin Kerber, die nach dem Jahr ihres Durchbruchs 2017 ein tiefes Tal zu durchschreiten hatte. Bei Görges stimmten abgesehen vom Ausrutscher in Stuttgart zuletzt noch die Ergebnisse. Nun muss sie jedoch beweisen, wie schnell sie aus der „Lehrstunde“ tatsächlich lernen kann.

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