SKILANGLAUF

„Das Ziel sind Medaillen bei der WM 2021“

von Redaktion

Cheftrainer Peter Schlickenrieder über die Aufbruchsstimmung, zielführende Kanufahrten und Angerers neue Rolle

München – Eigentlich hatte man den Eindruck, dass Peter Schlickenrieder, 48, vollends ausgelastet wäre. Der frühere Skilangläufer aus Schliersee, Silbergewinner bei den Olympischen Winterspielen 2002 im Sprint, entwickelte sich nach seiner Sportkarriere zu einer Art Multi-Unternehmer. Er drehte Filme, unternahm sportive Abenteuertouren, arbeitete als ARD-Wintersport-Experte, schrieb Bücher, hielt Vorträge über Motivation und Grenzerlebnisse, betätigte sich als Marketing-Berater, wurde Vizepräsident des Deutschen Ski-Verbandes (DSV). Umso überraschender kam nun seine Zusage, sich als übergeordneter Cheftrainers der kriselnden deutschen Skilangläufer anzunehmen.

-Peter Schlickenrieder, Sie übernehmen den Chefposten bei den deutschen Silangläufern. Eine nicht gerade beneidenswerte Aufgabe. Die Sparte befindet sich im Tief, blieb bei den Winterspielen in Pyeongchang ohne Medaille. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, das Angebot anzunehmen?

Emotional ist es mir sehr leicht gefallen. Ich habe wirklich Lust darauf, da mitzuhelfen. Und das mit Vollgas. Privat habe ich schnell die Unterstützung meiner Frau bekommen. Sie hat gesagt: Unsere beiden Kinder sind jetzt mit der Schule fertig und auf ihrem Weg in die Ausbildung – ich unterstütze Dich wo ich kann.

-Wie lässt sich denn der deutsche Langlauf wieder in Schwung bringen?

Dazu ein kleines Beispiel: Ich komme gerade von einer Trainerklausur. Wir haben da eine Kanufahrt gemacht. In dem Boot sind vier Leute gesessen – und wie es bei Sportlern so ist, artete das sofort in einen Wettkampf aus. Jeder haute in die Paddel, was das Zeug hielt. Und zwar mit dem Ergebnis, dass in Schlangenlinien auf dem Fluss gefahren wurde – also nicht die kürzeste und schnellste Route, sondern die langsamste und anstrengendste. Nur Kraft und Energie sind eben nicht zielführend. Wenn man als Team gut vorwärts kommen will, muss man sich vielmehr einen Plan machen, festlegen, wer steuert, wie man fährt, wem man vertraut, wie man die Kräfte optimal nutzt. Unsere Situation im Langlauf-Lager ist vergleichbar: Wir haben supergute Trainer im Boot – jetzt gilt es, die Kräfte dieser Trainer zu lenken, zu steuern, Synergien herauszuarbeiten.

-Sie sehen da also Defizite?

Wir haben diese hohe Energie in den letzten Jahren nicht optimal genutzt. Es muss uns gelingen, dass Trainer, Betreuer und Sportler eine Einheit werden. Wir haben ja einen Athletenkreis, der so einiges mehr noch aus sich herausholen kann. Das geht nicht zuletzt mit einem verstärkten Miteinander. Wir müssen auch versuchen, unser weltweit einzigartiges Stützpunktsystem noch besser zu nutzen und besser zur Geltung zu bringen. Wir müssen versuchen, das Zusammenrücken wieder zu optimieren. Die Mannschaft ist nicht so weit von Staffelerfolgen entfernt, wie es momentan ausschaut. Wenn man da nur das eine oder andere Mosaiksteinchen verändert, dann geht es unter Umständen schneller bergauf als man es dem Ist-Zustand zutrauen würde. Unser Ziel ist jedenfalls, aus dem deutschen Skilanglauf wieder einen prosperierenden Betrieb zu machen.

-Ihre Sparte hat ja schon ganz andere Zeiten erlebt. In den Nuller-Jahren zählten die DSV-Läufer zur internationalen Spitzenklasse. Wie konnte es zu diesem Niedergang kommen?

Wenn du lange Zeit erfolgreiche Athleten hast, dann tust du dich als Trainer schwer, die nachfolgenden Generationen bei der Stange zu halten. Wenn also Leute wie früher Tobi Angerer, Axel Teichmann oder Jens Filbrich gut zehn Jahre leistungsbestimmend sind, dann hast du einige Jahrgänge, die sich die Zähne ausbeißen und frühzeitig aufhören. Solche Verluste sind besonders schmerzhaft in einer Sportart, die eine so stark ausgeprägte Ausdauerkomponente hat wie der Skilanglauf. Da dauert es bis zu zwei Jahrzehnten, bis man aus einem Talent einen Topathleten geformt hat. Deswegen muss man auch stets frühzeitig große Nachwuchsmannschaften aufbauen.

-Vor zwanzig Jahren befand sich der Langlauf hierzulande in einer ähnlich schwierigen Situation. Dann übernahm mit Jochen Behle ein profilierter Ex-Athlet das Kommando und sorgte für baldigen Aufschwung. Ihr positives Image ist durchaus mit Behle vergleichbar. Glauben Sie, dass es nun einen ähnlichen Schlickenrieder-Effekt geben könnte?

Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Ich glaube aber nicht, dass der Bekanntheitsgrad eines Cheftrainers für den Erfolg eine große Rolle spielt. Wichtig ist, zu arbeiten, die zum Teil tiefliegenden Probleme zu lösen. Das geht jedoch nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit. Ein Vorteil ist vielleicht, dass ich in meiner Verbandsarbeit als DSV-Vizepräsident in einer Position war, wo ich nicht schalten und walten konnte wie ein Unternehmer. Sondern ich musste die Leute mitnehmen und überzeugen. In dieser Hinsicht werde ich künftig auch gefordert sein. In einer Hinsicht kann der Bekanntheitsgrad jedoch hilfreich sein: Die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine der wichtigsten Wintersportarten zu lenken. Insgesamt ist die Situation aber eine ganz andere als vor zwanzig Jahren.

-Inwiefern?

Du hast andere Athleten im Nachwuchsbereich. Die Ablenkungen sind ganz andere. An erster Stelle möchte ich da das Social-Media-Thema oder generell die veränderte Mediennutzung nennen. Was auf die jungen Menschen da alles einstürmt, ist eine komplett veränderte Belastung. Die Transparenz von scheinbar anderen Lebensmodellen verwirrt viel mehr als zu unserer Zeit. Und das ist eine große Herausforderung für das komplette Umfeld der Athleten – allen voran die Trainer. Der heutige Trainer ist nicht nur sportlicher Übungsleiter, sondern auch noch Animateur, Erzieher und Problemlöser in Einem. Die Anforderungen an die Trainer sind enorm gewachsen.

-Sie wiederum sind dafür zuständig, Ihren Trainerstab zu leiten. Worauf kommt es da besonders an?

Wir bewegen uns in einem System, das geprägt ist von hoher Emotionalität. Ein Trainer macht das nicht in erster Linie, weil es sein Job ist. Sondern weil es sein Leben ja seine Bestimmung ist. So jemanden davon zu überzeugen, dass Dinge vielleicht nicht ganz optimal laufen, sich Anforderungen an seine Tätigkeit und er Dinge ändern muss, ist ungemein schwerer, als jemanden auf eine Linie auszurichten, der einen Job allein für Geld macht.

-Mit Axel Teichmann, dem künftigen Athletik- und Techniktrainer, haben Sie ja einen erfolgreichen Ex-Langläufer in Ihrem Team. Was ist mit dem früheren Weltcup-Sieger Tobi Angerer? Wäre das nicht auch einer für Ihre Trainermannschaft?

Tobias steigt auch in unser Boot ein. Er kann halt nicht allzu viel Zeit investieren, weil er geschäftlich sehr beansprucht ist.

-Wie ist seine genaue Rolle?

Tobias ist vor allem der Botschafter für die Heim-Weltmeisterschaft 2021 in Oberstdorf und der Mann, der immer wieder einen Blick von Außen auf unser Tun und Schaffen werfen wird. Tobias hilft vor allem an seinem Heimatstützpunkt Ruhpolding mit, Strukturen für die Zukunft zu entwickeln. Das Engagement von Tobias und seiner Frau Romy im Nachwuchs in dieser Region zeigt auch bereits erste Früchte.

-Auf welche Athleten werden Sie in nächster Zeit bauen?

Thomas Bing hat eine Riesenentwicklung gemacht, er ist um 180 Grad ein anderer als noch vor zwei Jahren, da ist viel passiert bei dem Burschen. Mit Lucas Bögl haben wir natürlich einen weiteren starken Mann. Sebastian Eisenlauer hat ein großes Potenzial. Dann ist da Florian Notz. Der hat zwar die Olympia-Quali nicht geschafft, aber er hat den Ball aufgenommen und dann im März beim 50-Kilometer-Rennen in Oslo mit dem siebten Platz die beste Weltcup-Platzierung eines Deutschen im vergangenen Winter erzielt. Auch Jonas Dobler und Andreas Katz darf man nicht vergessen. Wir haben da schon ein paar Typen, die das Zeug haben, einen deutlichen Schritt nach vorne zu machen. Das gilt auch für Janos Brugger der vor zwei Jahren Junioren-Weltmeister im Sprint geworden ist, obwohl das nicht mal seine Hauptdisziplin ist.

-Und wie steht’s um die Frauen?

Das schaut’s gut aus. Sandra Ringwald hat im Sprint bewiesen, dass sie im Finale stehen kann. Was noch fehlt, ist ein Podiumsplatz. Aber dazu ist Sandra fähig, wenn sie kontinuierlich weiterarbeitet. Die ganze Olympiamannschaft hat ein sehr gutes Potenzial. Wir haben mit der Katharina Hennig eine sehr junge Läuferin, die Anschlussleistungen bringen kann, ebenso Victoria Carl. Und dann sind da noch die erfahrenen Kräfte Nicole Fessel und Steffi Böhler. Das ist eine gute Mischung aus Jung und Alt, da kann man schon nach vorne marschieren.

-Schon bei der WM 2019 in Seefeld?

Das wäre zu vermessen, hier schon mit den ganz großen Fortschritten zu rechnen. Bei der WM in Seefeld brauchen wir das Glück, die Gesundheit der Athleten und eine noch bessere Einsatzplanung, dann kann das durchaus klappen. Ich möchte mich aber erst an der Heim-WM in Oberstdorf 2021 messen lassen. Bis dahin müssen wir was auf die Reihe gekriegt haben.

-Wird es dann wieder Medaillen geben für deutsche Skilangläufer?

Das ist unser Ziel. Ansonsten bräuchten wir das Ganze nicht zu machen.

Das Interview führte Armin Gibis

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