„Ein neuer Trainer ist auch eine Chance“

von Redaktion

Bobic über spannende Wochen, die Zukunft der Eintracht, das letzte Bier mit Kovac in Frankfurt – und das erste danach

München – Die beste Spielvorbereitung gab es am Mittwoch im Fernsehen. Fredi Bobic (46) verfolgte das 1:2 der Bayern gegen Real Madrid beim Essen mit einem Freund, nicht mit Frankfurts Spielern. Gesehen, wie man den Meister schlagen kann, haben aber alle. Der Sportvorstand freut sich daher auf das Gastspiel der Eintracht, das für ihn trotz der Begleitumstände – Niko Kovac bei seinem neuen Klub, Vorspiel für das Pokalfinale – aber „eine ganz normale Bundesliga-Partie“ ist.

-Herr Bobic, wenn man die Lage der Eintracht ansieht, sollten – mit Blick auf Europa – Punkte her. Wie passt das mit dem Spiel in München zusammen?

Das passt zusammen! Denn wir fahren hin und wollen auch etwas mitnehmen. Das ist in München nicht anders als in jedem anderen Stadion der Republik. Die Möglichkeit, um Europa zu spielen, ist für uns eine herausragende, die wir auch nutzen wollen. Deshalb kommen wir nicht und sagen: Schaun mer mal. Die Jungs können sich in München alle beweisen.

-Sie sagen, diese Mannschaft sei der „Wahnsinn“. Kann dieses Gefühl im Saisonendspurt noch kippen?

Wir stehen gut da, aber man muss zugeben, dass uns diese Saison Kraft gekostet hat. Aber uns haben auch einige Spieler gefehlt zuletzt. Bei uns ist der Qualitätsverlust in der zweiten Reihe bemerkbarer als beim FC Bayern.

-Am Gesamtfazit „gute Saison“ lässt sich aber nicht mehr rütteln, oder?

Natürlich nicht. Das ist der Wahnsinn, was wir erreicht haben. Noch mal eine Steigerung zum letzten Jahr.

-Sie sagen, das Pokalfinale werde emotional. Wird das „Vorspiel“ auch schon emotional?

Nein, das ist eher ein typisches Bundesliga-Spiel, eines, wo ein Favorit gegen einen klaren Außenseiter antritt. Das Pokalfinale ist ein ganz anderes Ding. Ein Spiel, von Emotionen geladen. Für so etwas gibt es kein Vorspiel.

-Ein ganz normales Bundesliga-Spiel?

Für mich schon, auch wenn natürlich von außen versucht wird, die Personalie Niko Kovac da mit reinzubringen. Für mich spielt das keine Rolle.

-Sie sind sich aber bewusst, dass Kameras auf Sie gerichtet sein wird, um einen Handschlag mit einem Bayern-Boss einzufangen.

Das ist das Fußballbusiness. Nebengeräusche, sage ich. Für die Medien und manchmal die Zuschauer ist das spannend, aber Sie merken mir ja an, wie ich da ran gehe. Sachlich, nüchtern – da muss ich mich nicht verstellen. Es wird von meiner Seite aus Respekt gegenüber meinen Kollegen geben. Wie rund um jedes andere Spiel auch.

„Für ein Pokalfinale gibt es kein Vorspiel“

-Nach dem Finaleinzug haben Sie ein Bier getrunken, wie viele werden es bei einem Pokalsieg?

Moment mal: Ich habe nur ein Bier getrunken, weil ich fahren musste. Aber nach einem möglichen Sieg wären es mit Sicherheit mehr. Also zwei (lacht). Im Ernst: Das ist schon ein großer Traum für einen Klub wie uns. Und natürlich wollen wir auch mal aus diesem Pokal trinken.

-Ein Zufall ist es sicherlich nicht, dass Sie zwei Mal hintereinander im Pokalfinale stehen. Sie sprechen von „harter Arbeit“.

Es ist nicht so, dass wir uns da heroisieren müssen, aber in Frankfurt ist Einiges in Aufbruchstimmung. Viele Dinge, die ich im Sportlichen angeschoben habe, haben so gegriffen. Das ist nicht selbstverständlich – und das macht mich stolz. Ich blicke guten Mutes in die Zukunft. Unsere Arbeit, unsere Ethik, unsere Philosophie stimmt. Ich bin von Antreibern umgeben – und bin auch selber einer.

-Wie viel Fredi Bobic steckt in diesem Team?

Natürlich möchte ich das, was ich denke, auch verstanden wissen. Aber ich bin auch einer, der gerne zuhört und intensiv auf andere Vorschläge eingeht. Oft gibt es Input, auf den ich gar nicht gekommen wäre. Es ist ein Befruchten von allen Seiten.

-Wie viel Niko Kovac steckt in diesem Team?

Eine große Menge. Der Trainer ist eine ganz, ganz wichtige, sehr spannende Personalie. Wir verlieren Niko nicht gerne, das ist doch klar. Es liegt jetzt an uns, den richtigen Nachfolger zu finden, der wieder seine eigene Handschrift reinbringt, aber von der Arbeitsmoral, der Auffassung des Spiels, der täglichen Arbeit genauso fasziniert und faszinierend ist wie Niko.

-Erleben Sie also besonders spannende Wochen?

Mit Sicherheit. Den richtigen Trainer zum richtigen Zeitpunkt zu finden, das ist wirklich eine sehr herausfordernde Aufgabe. Ich stehe ihr aber positiv gegenüber. Es gibt gute Trainer auf dem Markt, wir sind da gut unterwegs und haben unsere Freude an der Suche. Das ist auch eine Chance – man sollte das alles nicht immer nur negativ sehen.

-Bringen die vier Wochen mehr, die Sie haben, auf diesem Markt etwas?

Vor allem ist es ein Vorteil, einen Trainer für eine neue Saison zu suchen – und nicht mittendrin aus einer Notlage heraus. Wenn man schon suchen muss, ist es so auf jeden Fall angenehmer. Das gibt dir deutlich mehr Ruhe.

-Die Bayern haben Ihr Profil klar benannt. Kann man das als Eintracht Frankfurt auch?

Das ist einfach: Er muss zum Verein passen, zur Mannschaft, zu unserer Arbeitsmoral, zur Stadt. Er muss ein Repräsentant sein. Da gibt es also einige Faktoren.

„Das mahnende Beispiel Köln erdet“

-Spielt der Multi-Kulti-Kader aus 19 verschiedenen Nationen eine Rolle?

Nein, also zumindest sprachlich nicht. Wir sprechen hier alle Sprachen, da ist Einiges los in der Kabine. Aber dadurch ist Bewegung, alle sind positiv miteinander. Das ist Integration pur. Nur ist die Musik für mich in der Kabine manchmal schwer erträglich – da muss ich durch (lacht).

-Ein Markenzeichen der „neuen Eintracht“, die Sie seit zwei Jahren aufbauen. Was ist bisher die schönste Bestätigung?

Das ausverkaufte Stadion, die Begeisterung im Umfeld, ein Selbstwertgefühl, das die Eintracht-Fans lange nicht mehr gehabt haben. Ich erlebe dieses schöne Gefühl, wenn ich morgens am Main jogge. Da kommen mir sehr viele im Eintracht-Trikot entgegen, da grinse ich in mich hinein.

-Die Eintracht hat auch an Strahlkraft auf wechselwillige Spieler gewonnen.

Natürlich. Wir sind interessant für einen anderen Markt. Uns werden höherwertige Spieler angeboten, Berater melden sich, die sich denken: Hier kann mein Spieler besser werden. Auch wenn bei uns dann für viele die Entwicklung noch nicht zu Ende ist.

-Auf dem Transfermarkt haben Sie also mehr zu tun im Moment.

Ein bisschen, aber das ist doch ein Luxusproblem.

-Was ist Ihr Traum? Dass die Bayern mal einen Spieler wollen und Sie ihn nicht abgeben?

Egal ob die Bayern oder ein anderer großer Hai: Wenn wir irgendwann mal Nein sagen, dann wäre das schon ein tolles Gefühl. Es ist aber klar, dass das nur Träumerei ist.

-Können Sie Ihr langfristiges Ziel beziffern?

Wenn wir immer so spielen, ein Budget, die Qualität und Kontinuität haben, dass wir sagen können, wir wollen in der Bundesliga auf Augenhöhe mit den einstelligen Tabellenplätzen sein, dann haben wir unser Ziel erreicht. Als ordentlicher, gut geführter Traditions-Klub. Im Fußball geht es so schnell. Schauen Sie sich Köln an! So etwas lässt uns immer wieder erden.

-Sie sprechen von Kontinuität auf Führungspositionen. Ist Ihre Rolle langfristig angelegt?

Grundsätzlich schon. Aber ich bin einer, der immer von Jahr zu Jahr schaut, auch von Termin zu Termin. Was kommt nach diesem Interview? Was steht danach an? Die Zeit rennt so schnell.

-Niko Kovac und Sie sind Freunde. Ist seine Meinung auch gefragt, wenn er in München ist?

Ach, wissen Sie: Wir tauschen uns in der Liga ja alle aus. Die Fußball-Familie ist klein, aber fein. Darauf freue ich mich: Wenn ich Niko mal in aller Ruhe sehen kann, wenn er im sportlichen Stress mit den Bayern ist – und wir treffen uns auf einen Kaffee oder ein Bier. Da werden wir uns einfach über Fußball unterhalten. Wir alle – vor allem die, die mal gespielt haben – können gut trennen: Das, was mal war, war mal und interessiert nicht mehr. Es wird keine Probleme geben.

Interview: Hanna Raif

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