München – Seine Rückhand hätte längst einen eigenen Namen verdient. Wenn Florian Mayer beidhändig einen Tennisball übers Netz schlägt, macht er kurz vorher oft einen Hüpfer, um die Kugel am höchsten Punkt ihrer Flugbahn zu treffen. Das allein wäre noch nicht ungewöhnlich. Manchmal aber, in den besten Momenten seines Spiels, schlägt er den Ball nicht mit voller Kraft, sondern wickelt ihn mit einer streichelnden Bewegung ein. Ein eingesprungener, beidhändiger Rückhand-Stopp.
Im Handball gibt es den Kempa-Trick, im Turnen den Tsukahara. Im Tennis sind solche Ehrentitel dagegen unüblich, selbst der Becker-Hecht hat es nie über die Sprachgrenzen hinaus geschafft. Florian Mayer (34) wird deshalb nie eine gleichnamige Rückhand kreieren, aber vermutlich wird ihm das wenig ausmachen. Die großen Auftritte sind ohnehin nie seine Leidenschaft gewesen. Außer auf dem Platz halt.
Der stille Herr Mayer hat am Freitag angekündigt, dass er im Herbst seine Profikarriere beendet. Er hat sich dafür keinen Medienpartner gesucht und auch keine Social-Media-Plattform, sondern ganz konservativ dem Bayerischen Tennis-Verband ein Interview gegeben. In Oberhaching, wo der BTV sein Leistungszentrum hat, trainiert der gebürtige Bayreuther seit 14 Jahren. Mayer ist ein loyaler, zuverlässiger Mensch, der so bodenständig und bescheiden geblieben ist, dass er in der bunten Tennisszene all die Jahre fast schon wieder ein Exot war.
Am spektakulärsten an ihm war immer sein Spiel, voller Finesse und Extravaganz, mit Manövern, die so in keinem Lehrbuch stehen. Auf verschlungenen Wegen hat er es im Juni 2011 bis auf Platz 18 der Weltrangliste gebracht, zweimal (2004, 2012) ins Wimbledon-Viertelfinale und zu zwei Turniersiegen (Bukarest 2011, Halle 2016). Mit den Jahren aber hat er gemerkt, dass er auf seine spezielle Weise nur noch bedingt konkurrenzfähig war: „Mit meinem variantenreichen Spiel, mit vielen Stopps und Slice, wird es immer schwieriger auf den Belägen, die immer schneller werden. Die jungen Spieler Anfang 20 kommen nach, top motiviert, fit, spielen sehr hart und athletisch. Da wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, sich unter den ersten 100 zu halten.“
Aktuell wird er an Nummer 72 geführt. Das ist immer noch eine beachtliche Platzierung für jemanden, der sich mittlerweile ausgedehnte Pausen gönnt und auf der ATP Tour in diesem Jahr noch kein einziges Einzel im Hauptfeld gewonnen hat. Mayer hatte stets ein Talent, mit gezielter Terminplanung sein Ranking zu stützen. Vergangenes Jahr zum Beispiel hatte er nur wenige wirklich gute Turniere. Weil darunter aber die German Open am Hamburger Rothenbaum (Finale) und die Rasenveranstaltung in Halle (Viertelfinale) waren, beendete er das Jahr dennoch auf Position 68 und mit fast 650 000 Dollar Prämien. Die Privilegien seines Sportlerlebens, die hohen Preisgelder und der Reiz, vor 10 000 Zuschauern sein Können zu zeigen, waren vor dem Start in die neue Saison noch mal ein Antrieb. Aber dass es so nicht mehr ewig weitergehen würde, ist ihm zuletzt immer klarer geworden.
Im Laufe der Jahre ist ihm der Alltag zunehmend schwerer gefallen. Das Reisen gefällt ihm schon lange nur noch dann wirklich, wenn es privaten Zwecken dient. Mayer hat in den letzten Jahren Norwegen oder Patagonien besucht, Orte, an denen es beschaulich zugeht. Auf das unstete Tourleben kann er gut verzichten. Die großen Turniere in Nordamerika hat er deshalb in den vergangenen Jahren fast vollständig gemieden. Die hektischen Metropolen, die Lautstärke, das schwüle Klima und die Eiseskälte der Air Condition nahmen ihm in der Summe den Spaß am Tennis.
Die deutschen Veranstaltungen will er nun noch mal auskosten. Den Anfang machen kommende Woche die BMW Open, wo er 2011 im Finale stand. Anschließend folgen Stuttgart sowie Halle und Hamburg, die Orte seiner letzten großen Erfolge. „Da noch einmal auf dem Centre Court zu spielen, ist eine tolle Sache“, sagt Mayer. Am besten war er schließlich in all den Jahren immer dort, wo er sich besonders wohl gefühlt hat. Dass sein allerletztes Turnier ausgerechnet die US Open sein werden, ist deshalb eine schräge Pointe. Aber ungewöhnlich war die Karriere des Florian Mayer eigentlich immer.