Tränenrede und Positivenergie

von Redaktion

Wie der EHC München Spiel sieben meisterte – und warum die nächste Saison ganz anders wird

Von Günter Klein

München – Das Schlussbild einer nationalen Eishockeysaison ist ja immer und überall das gleiche: Auf der einen Seite die Enthemmung und eine Traube von Menschen inmitten einer aus weggeschleuderten Schlägern und Handschuhen gebildeten Schlachtfeldszenerie. Am anderen Ende der Eisfläche die Enttäuschten, leer, hohlwangig. Dann gibt es die Silbermedaillen für die Traurigen und den Pokal im goldenen Konfettiregen für die Sieger. Wenn der Glück hat, kann er seine Feier im eigenen Stadion steigen lassen. Wie der EHC München 2017 und 2018.

Die dritte Meisterschaft in Folge (begonnen hatte es 2016 in Wolfsburg) mit einem in dieser Zeit nicht dramatisch veränderten Team ist für München also schon Routine – eigentlich. Doch der Titelgewinn vom Donnerstagabend fühlte sich anders an. Nicht mehr selbstverständlich. Weil die Eisbären Berlin, der Gegner, sich anders hatte wehren können als Wolfsburg in den beiden Jahren davor und München nach dem 3:3-Ausgleich der Eisbären in der Best-of-Seven-Serie sich mit dem Gedanken befassen musste, dass man verliert. 2018 hatte der EHC schon mehr Playoff-Partien verloren (fünf) als 2016 und 17 zusammengerechnet (vier).

Trainer Don Jackson, mit dem Gewinnen aufgrund seiner nun acht Deutschen Meisterschaften vertraut, nahm diese Serie auch als intensiver wahr als die aus der Vergangenheit: „Bei weitem die größte Herausforderung“, sagte der Amerikaner und ging den Weg seit dem Viertelfinale durch: „Bremerhaven war exzellent, Mannheim hat uns physisch getestet, und Berlin war die ganze Zeit so gefährlich. Spiel-sieben-Situationen hatten wir noch nicht allzu oft.“

Streng genommen noch gar nicht. Yannic Seidenberg bekannte: „Es war auch für mich nicht leicht, sich auf dieses Spiel vorzubereiten“, es habe einiger Gespräche bedurft, „um im Kopf wieder frei zu werden“. Geholfen haben ihm „zwei unglaubliche Ansprachen, eine von Matt, eine von Don“. Co-Trainer Matt McIlvane richtete das Wort am Tag vor dem entscheidenden Finale an die Mannschaft, Cheftrainer Don Jackson am Morgen. Seidenberg: „Don hat an seine früheren Zeiten in der NHL erinnert, da sind einige Tränen geflossen bei ihm. Ich musste mich zusammenreißen, dass es bei mir keine rausdrückt, den Mitspielern erging es genauso.“

Konrad Abeltshauser erzählt von weiteren Inhalten der Vorbereitung: „Wir haben versucht, die Energie positiv zu halten. Im Video vor dem Spiel haben wir nur Szenen angeschaut, die uns gut machen und nicht viel Zeit verschwendet mit denen, die uns runterziehen.“ Einstellungssache. „Alle waren bereit, alles aufs Eis zu bringen“, so Yannic Seidenberg, „es zeichnet uns auch aus, dass wir Supercharaktere im Team haben, Leader, die schon viel durchgemacht haben in ihren Karrieren. Wir haben ein unglaubliches Spiel hingelegt.“ Abeltshauser meinte: „Wenn der Titel fast schon aus den Händen ist und man ihn sich doch holt, ist das geil.“

Auf dem Eis stand dann irgendwann die Blasmusik, man ließ schließlich auch die Fans ein, die Mannschaft verlagerte ihre Feieraktivitäten in die Kabine. Die übliche Bierspritzerei fand auch vor dem Hintergrund statt, dass es in dieser Runde die letzte sein wird. „Keith Aucoin beendet seine Karriere, ein paar Jungs gehen weg, das müssen wir feiern“, so Seidenberg. Die Mannschaft ist über Veränderungen weitgehend informiert, auch wenn am Sonntag, Montag noch Gespräche der Clubführung mit einzelnen Akteuren stattfinden werden.

Leggio, Matsumoto (wohl Iserlohn), Pinizzotto, Kettemer (beide in Köln im Gespräch), Kahun (Chicago/NHL) stehen auf der Liste der Abgänge, es können weitere dazukommen. Die offiziell noch nicht bestätigten Zugänge sind Trevor Parkes (Augsburg), Mark Voakes (Wolfsburg), John Mitchell (Nürnberg) und Timo Herden, ehemaliger Rosenheimer Torwart (zuletzt Düsseldorf), der beim Kooperationspartner SC Riessersee in der DEL2 geparkt werden soll. München soll jünger werden.

Nach dem zweiten Titel schien der dritte unausweichlich zu sein, nach dem dritten muss es aber nicht so unbedingt auf den vierten zulaufen. Berlin ist nach einer Leistungsdelle wieder fast auf Augenhöhe mit dem EHC und hat derzeit die besseren jüngeren Spieler – eventuell muss es einen neuen Trainer suchen, weil Uwe Krupp mit Sparta Prag verhandelt. Mannheim baut unter seinem Wunschtrainer Pavel Gross großflächig um, Nürnberg tätigte zwei starke Mittelstürmerverpflichtungen (Buck, Acton).

„Einen Titel zu verteidigen, ist grundsätzlich schwer“, sagt DEB-Präsident Franz Reindl, und er glaubt, diese Aufgabe werde noch anspruchsvoller. Die DEL werde sich verändern, „deutsche Spieler werden den Unterschied machen; wir haben viele in den Bereichen U 20 und U 18“. Stefan Ustorf, Leiter Spielerentwicklung bei den Eisbären, glaubt, dass auch nicht alle Toptalente nach München gehen werden, „weil sie auch darauf achten, wie viel Eiszeit sie bekommen werden“.

Die DEL hat gute Chancen, spannender zu werden. Und wieder ein Schlussbild mit anderen Personen zu bekommen.

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