Tennis

Kohlschreiber zähmt den Riesen

von Redaktion

Der dreimalige Sieger der BMW Open gewinnt seinen Auftaktmatch gegen Karlovic – Acht Deutsche im Achtelfinale

von marc beyer

München – Man befürchtet als Tennisspieler immer das Schlimmste, wenn man es mit Ivo Karlovic zu tun bekommt. Jeder, der ihn ein bisschen kennt, hält ihn für einen richtig netten Kerl, aber Tennis spielen möchte man gegen ihn trotzdem nicht. Auch Philipp Kohlschreiber war vor seiner gestrigen Partie bei den BMW Open wenig begeistert von der Aussicht, den Kroaten zu treffen. Umso erleichterter klang er, als er die Begegnung unbeschadet überstanden und mit 7:5, 6:4 gewonnen hatte: „Meine Befürchtungen sind nicht eingetroffen.“

Dieser Karlovic ist auf der Tour ein Unikat. Nicht nur, weil er mit seinen 39 Jahren mit Abstand der Älteste in den Top 100 ist und mit 2,11 Metern der Längste. Er hält sich auch beharrlich in der erweiterten Spitze, obwohl sein ganzes Spiel auf einem einzigen Schlag beruht. Sein Status als bester Aufschläger der Welt ist unumstritten, bis zu diesen BMW Open hat er in seiner Karriere exakt 12 676 Asse fabriziert. Karlovic zu entschlüsseln, ist folglich nicht sehr kompliziert.

Allein, das macht die Aufgabe nicht leichter, denn diesen einen Schlag beherrscht er nun mal ziemlich gut. Der Regelfall ist, dass Spiele mit seiner Beteiligung in den Tiebreak gehen und die Entscheidung an wenigen Bällen hängt. In seinen 17 Saisoneinzeln bis München war der Riese 25-mal in die Verlängerung gegangen, doch gegen Kohlschreiber kam es nicht so weit. Das durfte der sich durchaus als Verdienst anrechnen.

Der Augsburger redete nachher viel über Karlovic, über fehlende Raffinesse in dessen Aktionen oder die nachlassende Beweglichkeit, und irgendwann sprach er den schönen Satz: „Es ist kein richtiges Tennis, das er spielt.“ Im Grunde aber war das alles eine subtile Form des Eigenlobes. Kohlschreiber war an diesem Tag ziemlich gut darin, seinen Gegner schlecht aussehen zu lassen. Seine Grundschläge waren sicher und druckvoll, sein Rhythmus flüssig. Nach vorsichtigem Beginn ging er dazu über, die donnernden Aufschläge des Kroaten näher an der Grundlinie zu returnieren, „um ihm Zeit wegzunehmen“ bei seinen Vorstößen ans Netz. Prompt büßten Karlovic’ Volleys und das gesamte Offensivspiel massiv an Wirkung ein. Brachte er den Ball erst mit dem zweiten Aufschlag ins Spiel, lag seine Erfolgsquote am Ende bei ganzen 38 Prozent. Die 15 Asse, die er unterwegs schlug, halfen ihm da auch nicht mehr.

Kohlschreiber hat diese undankbare Hürde souverän genommen und freut sich auf ein interessantes Achtelfinale. Das führt ihn zwar mit einem Zverev zusammen, aber mit Mischa, dem älteren der beiden Brüder. Alexander, die Nummer eins der Setzliste, befindet sich in der anderen Hälfte des Feldes und könnte erst am Sonntag Kohlschreibers Weg kreuzen.

Das wäre zweifellos das Wunschfinale der Veranstalter, denen gestern mit Gael Monfils (2:6, 6:3, 3:6 gegen Mirza Basic) einer der schillerndsten Teilnehmer früh abhanden gekommen ist. Die Niederlage des Franzosen ist der einzige Wermutstropfen bisher. Gleich acht einheimische Spieler haben das Achtelfinale erreicht, und weil es nun drei deutsch-deutsche Duelle gibt, davon zwei sogar im selben Viertel des Tableaus, ist garantiert, dass die Gastgeber mindestens drei Viertelfinalisten und einen Halbfinalisten stellen werden.

Kohlschreiber gehört bei seinem Lieblingsturnier, das er bereits dreimal gewann, zu den natürlichen Anwärtern auf den Titel. Nach zähem Saisonbeginn mit gesundheitlichen Beschwerden hat er sich wieder stabilisiert: „Momentan ruhe ich ganz gut in mir.“ Sollte die Veranstaltung bis zum Ende nach seinen Vorstellungen verlaufen, hätte er aber auch kein Problem damit, nach dem Matchball so richtig außer sich zu sein.

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