München – Seit einem Jahr lebt Marco Sturm wieder in Deutschland, in Niederbayern, den letzten Wohnsitz in Florida haben der Eishockey-Bundestrainer und seine Familie (Frau, Sohn, Tochter) aufgegeben. Die USA und Kanada bereist er trotzdem ab und zu, dienstlich, und wenn man seinen Kader, den er für die am Freitag beginnende Weltmeisterschaft in Dänemark nominiert hat, durchgeht, dann weiß man auch, dass er unter den „Jungs von drüben“, wie er sie nennt, fleißig gescoutet hat.
Dass die verfügbaren NHL-Cracks dabei sind, das hatte er angekündigt. Mittelstürmer Leon Draisaitl (Edmonton Oilers) und die Verteidiger Dennis Seidenberg (New York Islanders) und Korbinian Holzer (Anaheim Ducks) führen das Aufgebot an – allesamt bekannte Spieler. An einige andere Namen wird der Eishockey-Interessent in Deutschland sich gewöhnen müssen.
Größte personelle Überraschung auf der Liste mit 25 Akteuren: Manuel Wiederer, 21, Angreifer, noch kein Länderspiel. In den Vorbereitungsphasen I, II, III und IV war er nicht dabei, er erhielt aber ein Ticket direkt zur WM. Wiederer ist Deggendorfer, er spielte 2014/15 ein wenig DEL in Straubing, ging dann in die Juniorenliga von Quebec. 2016 drafteten ihn die San Jose Sharks, bei denen auch Marco Sturms NHL-Karriere begann. In die höchste Profiliga hat Wiederer es noch nicht geschafft, er war diese Saison im Farmteam, bei den San Jose Barracudas, geparkt.
Die Barracudas spielen in der American Hockey League (AHL), in der auch der Allgäuer Markus Eisenschmid zugange ist. Den 23-jährigen Außenstürmer vom Club Laval Rocket berief Sturm in der WM-Vorbereitung erstmals in die Nationalmannschaft. Auch der Mannheimer Marc Michaelis kommt von drüben. Bei seinen acht Spielen (er war von der ersten Maßnahme an, den beiden Partien gegen Russland in Sotschi, dabei) zeigte er, was man im amerikanischen College-System (sein Team ist die Minnesota State University) lernen kann. An den Unis wird auf der großen Eisfläche gespielt, wie in Europa, wie nun auch bei der WM. Mit Frederic Tiffels hatte Sturm voriges Jahr bei der WM einen Spieler mit gleicher Ausbildung berufen – und er war ein Gewinn. Tiffels, der sich im Profi-Hockey drüben noch nicht durchgesetzt hat und derzeit in der East Coast League festhängt, gehört erneut zum WM-Kader und kann sich für eine bessere Position bei seinem Besitzer Pittsburgh Penguins (NHL) empfehlen.
„Amerika ist das A und O im Eishockey“, erklärt Sturm seine Neigung zu Spielern von US- und kanadischen Clubs. Auch wer es dort nicht schafft, aber zumindest mal versucht hat, genießt bei ihm einen Bonus. Die drei Torhüter Treutle, Niederberger und Pielmeier waren „drüben“ zur Ausbildung (Treutle hat sogar ein NHL-Spiel), Yannic Seidenberg, Björn Krupp, Sebastian Uvira, Dominik Kahun, Marcel Noebels, Marcel Müller, Nico Krämmer, Matthias Plachta haben sich ebenfalls in den diversen nordamerikanischen Ligen versucht.
Zehn der 25 Silbermedaillengewinner von Pyeongchang sind bei der WM dabei. Es gab Rücktritte, es gab Verzichte wegen körperlicher und mentaler Erschöpfung. Von den zehn im Finale vertretenen Olympia-Fahrern wusste Bundestrainer Sturm schon, dass nicht alle zur WM wollen und können – die Saison hat ihre Spuren hinterlassen. Daher fehlen von Münchner Seite Danny Aus den Birken, Daryl Boyle, Brooks Macek und Frank Mauer und von den Eisbären Berlin Frank Hördler.
Marco Sturm glaubt, dass er „eine gesunde Mischung gefunden“ hat. Die Rolle der Silber-Männer: „Sie haben noch die Energie von Pyeongchang im Körper, die sollen sie an die anderen Spieler weitergeben.“
Der WM-Kader
Tor: Niklas Treutle (Nürnberg. Matthias Niederberger (Düsseldorf), Timo Pielmeier (Ingolstadt). – Abwehr: Korbinian Holzer (Anaheim/NHL), Dennis Seidenberg (New York Islanders/NHL), Oliver Mebus (Nürnberg), Yannic Seidenberg (München), Björn Krupp (Wolfsburg), Jonas Müller (Berlin), Bernhard Ebner (Düsseldorf), Moritz Müller (Köln). Angriff: Nico Krämmer, Sebastian Uvira (beide Köln), Matthias Plachta (Mannheim), Daniel Pietta (Krefeld), Mirko Höfflin (Schwenningen), Leon Draisaitl (Edmonton/NHL), Yasin Ehliz (Nürnberg), Patrick Hager, Dominik Kahun (beide München), Markus Eisenschmid (Laval/AHL), Manuel Wiederer (San Jose Barracuda/AHL), Marc Michaelis (Minnesota State Uni./NCAA), Marcel Noebels (Berlin), Frederik Tiffels (Wheeling Nailers/ECHL).