Madrid – Sich andere zum Vorbild zu nehmen, entspricht nicht unbedingt dem Selbstverständnis des FC Bayern. Aber Juventus Turin war in den vergangenen sechs Tagen doch so etwas wie der Inbegriff der Hoffnung geworden. Zur Erinnerung: Die Italiener hatten es vor drei Wochen im Estadio Santiago Bernabéu in der zweiten Minute getan, die Bayern machten es den Italienern gestern Abend in der dritten nach. Und trotzdem reichte die frühe Führung durch Joshua Kimmich nicht für das Wunder von Madrid.
Am Ende des umkämpften Rückspiels im Halbfinale der Champions League standen ein 2:2 (1:1) und die Erkenntnis, dass nach einer aufopferungsvollen Leistung viel mehr drin gewesen wäre. Karim Benzema hatte schnell ausgeglichen (11.) und kurz nach dem Seitenwechsel einen haarsträubenden Fehler von Sven Ulreich genutzt (46.). Die Bayern aber gaben nicht auf, kamen durch James (63.) wieder ran und hätten das 3:2 verdient gehabt. Das letzte Tor, um das 1:2 aus dem Hinspiel zu drehen, gelang jedoch nicht. Und während Real sich bereit macht für den Titel-Hattrick, platzte der Bayern-Traum vom Triple mal wieder bei einem spanischen Team. Zum fünften Mal in Folge – auch Jupp Heynckes konnte diesen Fluch nicht besiegen.
Der Trainer hatte vor der Partie alles versucht, um aus der dezimierten Elf (Arjen Robben war als Maskottchen im Stadion) eine schlagkräftige Truppe zu formen. Die Auswahl war nicht groß, trotzdem schaffte der 72-Jährige einen Überraschungsmoment, indem er seinen Liebling Javi Martinez auf der Bank Platz nehmen ließ. Corentin Tolisso spielte, als Sechser fungierte der nicht gerade als Abräumer bekannte Thiago. Aber zunächst mal ging es ja sowieso nach vorne.
Real hatte sich noch gar nicht sortiert, da waren die Bayern bereits bestens im Spiel – und Kimmich machte ernst. Nach einem ersten Warnschuss des genesenen David Alaba (2.) nutzte dessen Pendant auf der rechten Abwehrseite nach einer Müller-Hereingabe den missratenen Klärungsversuch von Sergio Ramos, um den Ball aus fünf Metern im Netz unterzubringen. Das war das Tor, das man brauchte. Es kam sehr früh.
Real wirkte keineswegs geschockt, aber gewarnt. Sie tasteten sich langsam ran, die Partie war intensiv in jeder Minute. Der Gegentreffer fiel nach einer vergleichsweise ruhigen Stafette im Mittelfeld. Als der Ball plötzlich bei Marcelo war, hatte der Hinspiel-Torschütze gegen Kimmich viel zu viel Platz, ehe Alaba zentral zu weit weg von Benzema stand. Der Stürmer ließ sich nicht bitten – 1:1.
Trotzdem blieben die Bayern am Drücker, waren immer wieder in Strafraumnähe. Real ließ im Mittelfeld viel Raum, oft versuchten die Gäste es über außen, oft kamen sie in den Strafraum, wo Reals Defensive nicht sattelfest stand. Die beste Chance – nach kleineren durch Müller (20./32.) – hatten Lewandowski, Müller und James gleich im Dreier-Pack. Am Ende flog der Ball über die Querlatte – das Thema Chancenverwertung war wieder präsent. Auf der Gegenseite aber kamen Cristiano Ronaldo, Benzema und Asensio auch nicht zum Ziel. Die Bayern beklagten sich über einen nicht gegebenen (und würdigen) Handelfmeter.
Die zweite Halbzeit versprach, interessant zu werden. Nur: Real nahm sich plötzlich die Bayern zum Vorbild. Exakt 15 Sekunden dauerte es, ehe der Ball nach einem fatalen Lapsus von (ausgerechnet!) Sven Ulreich im Netz zappelte. Tolisso spielte einen Ball unter Druck zurück, Ulreich verlor seine Koordination. Hand? Fuß? Der Ball war vorbei, Benzema sagte danke. Real blieb dran, aber die Bayern gaben sich nicht auf. Die logische Konsequenz einer Powerplay-Phase war der verdiente Ausgleich durch James nach einer Süle-Fanke. Und die noch logischere wäre nach zahlreichen Großchancen das 3:2 gewesen. Aber es fiel nicht. Raus – wie Turin.