von Redaktion

München – Toni Nadal hat kein Problem damit, dass die Tenniswelt ihn nur als „Onkel Toni“ kennt. Der Spanier hat seinen Neffen Rafael als Trainer betreut, seit der ein kleiner Junge war. Mittlerweile sind die beiden auch Geschäftspartner. In Manacor, auf Nadals Heimatinsel Mallorca, betreiben sie seit Herbst 2016 eine Tennisakademie, in der über 140 Talente betreut werden. Diese Woche war Toni Nadal bei den BMW Open zu Gast, um sein Projekt vorzustellen und mit Münchner Nachwuchsspielern zu trainieren.

-Senor Nadal, gibt es in Ihrer Akademie schon einen neuen Rafael?

Das ist nicht so einfach. Tennis ist kein leichter Sport, auf der Tour geht es eng zu. Wir arbeiten hart. Momentan haben wir einen, der ist Nummer 160 der Welt (Anm. d. Red.: Jaume Munar), in Barcelona hat er in der zweiten Runde gegen Dominic Thiem verloren. Seit sieben Monaten ist er bei uns und arbeitet gut. Wir haben auch einen jungen Deutschen, 15 Jahre alt, der kann es zum Profi schaffen. Wir wissen, wie schwierig es ist, besser als der Gegenüber zu sein. Für jeden, nicht nur für diese Kinder.

-Es heißt, Sie hätten Ihren Neffen trainiert, seit er vier Jahre alt war.

Ich glaube, er war drei.

-Wie war er mit drei?

Wir haben damals nur gespielt. Mit Training haben wir erst angefangen, als er fünf war. Zweimal pro Woche, dann dreimal, dann viermal. Mit zehn, elf Jahren kam er dann fünfmal pro Woche.

-Wann hat man gesehen, dass er etwas hatte, was andere nicht hatten?

Ich bin sein Onkel, ich habe das sofort gesehen. Es wäre mir auch unmöglich gewesen, mit ihm zu arbeiten, wenn da nicht Leidenschaft und Selbstvertrauen gewesen wären. Ich wollte dieses Selbstvertrauen immer haben, und auch Rafael war in dieser Hinsicht sehr gut. Vor ihm habe ich einen Jungen trainiert, der war Nummer zwei in Spanien bei den Zwölfjährigen. Ein anderer war die Nummer fünf, einer Nummer sieben. Ich habe gesehen, dass Rafael viel besser war. Aus diesem Grund dachte ich, dass er viel mehr erreichen könnte. Als er sieben war, habe ich zu meinem Bruder gesagt, dass er spanische Nummer eins wird.

-Sie gelten als sehr strenger Trainer, der großen Wert auf Fleiß und Disziplin legt.

Streng? Ich weiß nicht. Ich mag die Arbeit, ich will immer arbeiten. Wenn Sie einen Sohn haben und ihn zu uns in die Akademie bringen, wenn er dort nicht gut arbeitet, ist das ein Problem. Schlecht für mich, schlecht für Sie, schlecht für Ihren Sohn. Sie bezahlen das Geld, und er macht nichts – das gefällt mir nicht. Bei meinem Neffen war das nie ein Problem. Wenn ich mit ihm auf einem Turnier war in Frankreich, in Spanien oder auch nur auf der anderen Seite von Mallorca, dann war es seine Verantwortung, hart zu arbeiten. Im Leben macht das den Unterschied aus.

-Ist es mit dem eigenen Neffen schwieriger als mit anderen Talenten, denen man persönlich nicht so stark verbunden ist?

Nein, mit meinem Sohn oder meinem Neffen ist es viel einfacher. Da kann ich sagen, was ich will. Wenn es Ihr Sohn ist, kann ich nicht sagen: „Du bist zu schlecht.“ Dann geht er zu Ihnen und beschwert sich. Wenn ich das zu meinem Sohn sage, ist es etwas anderes. Leider ist es aber die Wahrheit. Er ist nicht so gut.

-Wie oft kommt Rafael in die Akademie?

Immer, wenn er auf Mallorca ist. Am Sonntag hat er das Finale in Barcelona gespielt, danach ist er mehrere Tage in der Akademie, bevor er nach Madrid fliegt.

-Sie sind nun für die Akademie verantwortlich. Fehlt Ihnen das Leben auf der Tour nicht, nach mehr als 20 Jahren mit Rafael?

Ich hatte viel Glück, weil ich mit einem sehr guten Spieler unterwegs war. Er hat viele gute Turniere gewonnen, und Gewinnen macht mehr Spaß als Verlieren. Wenn ich Rafael jetzt im Fernsehen sehe, denke ich manchmal: „Oh, da könnte ich jetzt auch sein!“ Aber in Mallorca bin ich auch zufrieden.

-Ihr Neffe hat eine lange Krankengeschichte. Seine Knie, seine Hand.

Nein, Rafael hat eine Sache in seinem Fuß. Dann hat er Einlagen bekommen und hat sich umgestellt. Früher ging er so (legt das Gewicht auf den Außenfuß), nachher musste er ein bisschen so gehen (verlagert es nach innen). Danach tat alles ein bisschen weh. Rückenschmerzen und so weiter. Das macht alles ein bisschen komplizierter. 2005 hat uns ein Spezialist in Madrid gesagt, dass Rafael nicht mehr Tennis spielen kann. Seitdem hat er mit vielen Problemen gespielt, mit vielen Schmerzen. Aber er war immer noch ein sehr guter Spieler. Ich habe ihm gesagt, wir müssen damit zurechtkommen. Und es ging.

-Wie lange kann er unter diesen Umständen noch weiterspielen?

Ich hatte 2006, 2007, 2008 Kontakt zu anderen sehr guten Spielern. Ihre Meinung war, Rafaels Karriere werde nur sehr kurz sein. Heute ist er seit 2005 in den Top Ten. 13 Jahre, das ist nicht kurz. Und solange er konkurrenzfähig ist, kann er weiterspielen.

-Ist Ihnen als seinem Onkel beim Gedanken an die vielen Verletzungen nicht unwohl?

Nein, weil wir immer Kontakt zu den Spezialisten haben. Der spanische Verbandsarzt hat uns gesagt, normalerweise macht das nichts.

Das Gespräch führte Marc Beyer

Artikel 1 von 11