München – Racing war und ist sein Leben, aber bei aller Liebe: Den Drang, sich selbst nochmal als Rennwagen-Lenker zu versuchen, hat Gerhard Berger nicht mehr. Allein wenn er ins Innere von DTM-Autos schaut und diese verdammt schmalen Sitzschalen sieht, „dann weiß ich, was Sache ist“, sagt der Österreicher. Wäre unpassend, sich da auf die mittelalten Tage noch reinzwängen zu wollen. Und überhaupt: Als Chef der DTM-Dachorganisation ITR hat der 58-Jährige heute eine übergeordnete Herausforderung zu bewältigen. Es geht um die Anatomie, die gesamte Statur und Statik des Deutschen Tourenwagen Masters. Da ist der Ex-Formel-1-Star als Zukunfts-Gestalter schwer gefordert.
Berger, seit März 2017 im Amt, treibt im Kampf um die Fans den Relaunch der Rennserie voran, die sich auch wegen des bevorstehenden Ausstiegs von Mercedes am Ende dieses Jahres im Umbruch befindet. „Gerhard hat frischen Wind reingebracht“, würdigt Audi-Motorsportchef Dieter Gass die Arbeit des Impulsgebers aus Tirol. Bergers aktuell wichtigste Aufgabe ist die Suche nach einem neuen Hersteller, zudem forciert er die weitere Internationalisierung der DTM. „Wir haben ein spannendes Jahr vor uns – und auch einige Hürden“, sagt er vor dem Auftakt der neuen Saison am Wochenende in Hockenheim.
Bergers oberstes Credo: Die DTM muss wieder näher ran an den Fan. Und da hat er in der Endphase der vergangenen Saison schon mal einen ersten Coup gelandet, als er die drei aktuell beteiligten Hersteller Audi, BMW und Mercedes dazu brachte, endlich der Abschaffung der sogenannten Performance-Gewichte zuzustimmen, mit denen die Erfolgreichen bis vor dem Rennwochenende in Spielberg belastet, sprich eingebremst worden waren. Die meisten Fans hatten diese „Strafe“ für Top-Leistung gehasst. Berger sorgte Kraft seiner Hartnäckigkeit für das Ende des Ärgernisses.
Und er kann sich inzwischen eine weitere Regeländerung auf die Fahne schreiben, durch die die Rennserie in der neuen Saison wohl nochmal an Attraktivität hinzugewinnt: Die Rennwagen haben 2018 durch die Reduktion der Aerodynamik rund 30 Prozent weniger Abtrieb, das heißt: Die Show wird lebendiger, alles noch unvorhersehbarer, der Titelkampf voraussichtlich noch enger. „Die Autos werden ein bissl mehr rutschen“, sagt Berger – und schlittert dann gleich ins Grundsätzliche: „Unsere Philosophie ist, der DTM eine DNA zu geben. Emotion, harter Motorsport, Fordern des Fahrers, Rad-an-Rad-Duelle. All die Sachen, die ein Hardcore-Motorsportfan sucht, wollen wir als DTM bieten.“
Den Hardcore-Fan wird es auf jeden Fall freuen, dass die Saison 2018 ein Racing-Wochenende mehr zu bieten hat als bisher (nun 10 Stationen, 20 Rennen). Zudem stehen zwei neue Strecken im Kalender. Brands Hatch und Misano – das bedeutet: Eine Rückkehr und ein Debüt. Auf dem Traditionskurs im Südosten Londons fanden schon zwischen 2006 und 2013 DTM-Rennen statt, Misano hingegen ist Neuland für die Rennserie, die heuer Heim- und Auswärtsspiele fifty-fifty verteilt hat. „Fünf Events in Deutschland, fünf im Ausland – die DTM wird ein weiteres Stück internationaler, ohne ihre deutschen Wurzeln zu vergessen“, sagt Berger.
Ein Nachfolger für Mercedes muss her
Bei der Mission, die DTM zukunftsfähig zu machen, muss der Österreicher aber vor allem Ersatz für Mercedes finden – die Schwaben verabschieden sich ja am Ende der Saison, um künftig in der Elektro-Rennserie Formel E zu starten. Die Ausstiegs-Ankündigung der Stuttgarter im Juli 2017 war zunächst ein Schock für die DTM, mittlerweile aber hat man sich notgedrungen mit dem Rückzug der Marke mit dem Stern abgefunden – und arbeitet nun verstärkt daran, einen neuen Hersteller zu gewinnen. „Bei diesem Thema machst du zwei Schritte nach vorne und auch mal zwei Schritte wieder zurück“, sagt Berger über die schwierigen Verhandlungen mit potenziellen Neueinsteigern. Die Auto-Branche fokussiert sich eben immer mehr auf das Elektro-Thema, zum Leidwesen des klassischen Motorsports. Doch wie schwer sich die Suche auch gestaltet: Ein dritter Hersteller, betont Berger, „ist mittelfristig ein Muss.“ Da geht es letztlich ums Überleben der DTM.
Ein weiterer Schlüssel für die Zukunft liegt im Class-One-Reglement, in der Vereinheitlichung der Tourenwagenserien – dadurch würden gemeinsame Veranstaltungen möglich. Und in dieser Hinsicht tut sich was. „Wir nähern uns den Japanern mit großen Schritten“, berichtet Berger, der sich die nahe Zukunft so vorstellt: „Wir können Autos rüberschicken, die können Autos rüberschicken.“ Der Show-Auftritt japanischer Super-GT-Renner (Nissan und Lexus) beim letztjährigen Saisonfinale am Hockenheimring war da schon mal ein schöner Appetitanreger für die Fans – und auch ein Beleg dafür, dass die DTM auf ihrer Suche nach neuen Perspektiven Gas gibt. Es bleibt ihr ja auch nichts anderes übrig.