München – Als Philipp Kohlschreiber gestern seinen Arbeitstag beschloss, wurde hinter ihm gerade der Rote Teppich ausgerollt. Es stand noch eine Party an, der Umbau lief parallel zur Pressekonferenz des Titelverteidigers, der mit einem 6:2, 6:2 binnen einer Stunde und acht Minuten gegen Mischa Zverev beeindruckend demonstriert hatte, wie ernst es ihm ist, das Münchner Tennis-Turnier zum vierten Mal zu gewinnen. Er wäre dann alleiniger Rekordmann.
Das Turnier in München ist schon immer ein einziger Roter Teppich für den 34-Jährigen gewesen. Als ihn letztes Jahr das Aus im Achtelfinale ereilte, stand der Augsburger damals zunächst recht ratlos da; für diese Ungeheuerlichkeit hatte er sich keinen Plan B ausgedacht. So aber, wie er gestern und auch schon bei seinem Start gegen Ivo Karlovic agierte, kann er das Finale am Sonntag einplanen. „Ich habe toll gespielt, dynamisch und druckvoll“, sagte er mit dem Selbstbewusstsein eines Lokalmatadoren, der auf diesem Terrain alles zu berechnen weiß, bis hin zur Sprungkraft der kleinen Filzkugel. „Ich habe Mischa gleich den Schneid abgekauft und dann nichts anbrennen lassen.“
Eine Lehrstunde von Nadal als Blaupause
Kohlschreiber hat das Turnier in München schon öfter zum Anlass genommen, hohe Ziele zu formulieren, vor allem für die Sandplatzsaison. Einen Platz unter den Top 5 in der Weltrangliste hielt er mal für realistisch, weiter als bis auf Rang 16 führte ihn das Schicksal aber nie, und es ist lang her, 2012 war das. Aktuell ist er auf Rang 29 eingestuft, und gestern koppelte er eine glückliche Zukunft vorsichtshalber nicht an solche Kennzahlen. Mal das Viertel- oder Halbfinale der French Open zu erreichen sei sein Wunsch, meinte er stattdessen, und da die Szene aktuell bunt durchgemischt werde, wittere er da durchaus seine Chance: „Der eine Top-Spieler will nicht auf Sand spielen, der andere kann nicht – es bestehen heuer mehr Möglichkeiten, weiter zu kommen und mehr Leute zu schlagen.“
Die Ambitionen ehren ihn, sein Ehrgeiz imponiert seit Jahren, und auch Michael Kohlmann lobte Kohlschreiber einmal mehr in höchsten Tönen. „Er hat eine unglaubliche Arbeitseinstellung und ist einer der intensivsten Spieler in jedem Training“, so der Davis-Cup-Kapitän, „ein großes Vorbild für die Jungen.“
Als kluger Pädagoge, der man als Coach nun mal sein muss, tat Kohlmann auch den Teufel, dem Routinier seine hohen Ziele auszureden. „An guten Tagen kann er fast alle schlagen“, sagte er, überlegte kurz und meinte dann: „Na gut, Rafael Nadal auf Sand wird vielleicht schwer. Aber selbst gegen Roger Federer hielt er sehr oft gut mit.“
Das jüngste Kräftemessen mit Nadal im Davis Cup zitierte Kohlschreiber hingegen selbst, um seine hohen Ziele plausibel zu erklären. Diese „Lehrstunde“, wie er es nannte, habe ihm gezeigt, „dass ich selber spielen muss. Sonst drückt mich so ein Gegner easy weg. Ich muss der sein, der die Entscheidungen trifft.“ So agierte er auch gestern gegen Zverev: „Wenn man so einen Spielertypen so unter Druck setzt, hat er es schwer.“ Als die Arbeit getan war, applaudierten die Zuschauer, unter ihnen Fußball-Weltmeister Miroslav Klose, angetan. Der Sieger streifte sein Schweißband ab, eigentlich passt so ein Teil ja nicht zum Dresscode, wenn man sich für einen Roten Teppich in Schale wirft. Wobei: Im Falle von Kohlschreiber ist es durchaus salonfähig. Er will ja nicht auf einer Gala glänzen. Sondern auf dem Centercourt.