Der Edgar Davids aus Korea

von Redaktion

Trotz seines kompromisslosen Stils wird Hyeon Chung zuhause Professor genannt – im Halbfinale fordert er Zverev, den er neulich schlug

München – In Rekordschnelle hatte Martin Klizan, Sieger in München 2014, seine Siebensachen gepackt und das Weite gesucht. Nach dem 3:6, 4:6 gegen Hyeon Chung hielt den Slowaken nichts mehr am Aumeister. Der Sieger hatte hingegen die Faust geballt und ließ sich Zeit beim Packen. Zwei Handtücher warf er Fans zu, und sie sollten diese Souvenirs sorgsam pflegen; eine Wertsteigerung zeichnet sich ab, schon bald. Hyeon Chung kann Titel holen.

In seiner südkoreanischen Heimat nennen sie ihn Professor, weil er wegen seiner Sehschwäche stets mit einer Sportbrille spielt. Sie ist sein Markenzeichen geworden, und wer ihn bei seiner Arbeit beobachtet, fühlt sich eher an Edgar Davids erinnert als an einen Akademiker. Wie der niederländische Fußballstar, einst ebenfalls Sportbrillenträger, spielt er äußerst kompromisslos, was den Gegnern nicht gut bekommt. Da musste man nur Klizan fragen.

Die Sehschwäche war kurioserweise der Grund, dass Chung zum Tennis kam. Ein Arzt empfahl ihm den Sport in jungen Jahren: Die grünen Banden auf den Courts in Korea würden den gestressten Sehnerv schonen. Nachdem er Novak Djokovic im Fernsehen gesehen hatte, schleifte er seinen Bruder Hong permanent zum Training; der Ältere war Linkshänder und sollte Rafael Nadal mimen, er selbst kopierte sein serbisches Idol. Er ist nun 21 Jahre alt, 22. der Weltrangliste, und im Januar schlug er bei den Australien Open nicht nur Alexander Zverev, sondern sogar einen gewissen Djokovic. Erst im Halbfinale musste er aufgeben, gegen Roger Federer. Er hatte Blasen. Noch nie ist ein Koreaner in solche Tennis-Dimensionen vorgestoßen. Lee Hyung-taik schaffte es mal auf Rang 36, doch in seiner Heimat sind andere Sportarten populärer; Fußball, Basketball, Taekwondo.

Nach seinem Erfolg in Melbourne zierte Chungs Gesicht etliche Titelblätter, im Social Media-Bereich steigt die Anzahl seiner Follower in selbst für Asiaten ungewöhnlichen Sprüngen. Seine kuriose Vita wird veredelt durch den Umstand, dass er momentan eigentlich gar nicht auf der ganzen Welt Tennis spielen dürfte, sondern in Korea Armeedienst verrichten müsste, 21 Monate lang. Weil er 2014 bei den Asienspielen im Doppel Gold geholt hatte, wurde er von dieser Pflicht entbunden.

Am heutigen Samstag fordert er im Halbfinale Zverev, den er neulich in Melbourne schlug. Mal sehen, wer diesmal packen muss.  awe

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