München – Jonas Reckermann ist leiderprobt, und zwar richtig. Wer 1988 das erste Mal im Stadion war und seitdem Fan des 1. FC Köln ist, hat jeden der sechs Abstiege miterlebt. „Der erste“, sagt der Beachvolleyball-Olympiasieger von 2012, „war der bitterste.“ Im Vergleich zu seinen Gefühlen in der Saison 1997/98 sind jene, die er seit der vergangenen Woche zu verarbeiten hat, „leicht zu ertragen“. Denn mehr als „einen Funken Resthoffnung auf das Wunder“ hatten selbst die optimistischsten unter den Anhängern nach der desolaten Hinrunde nicht mehr.
Exakt eine Woche ist es nun her, dass die Niederlage beim SC Freiburg den Gang in die Zweite Liga besiegelt hat. Wenn der „Effzeh“ also an diesem Samstag (15.30 Uhr) den FC Bayern empfängt, spielt der sichere Absteiger gegen den Meister. „Um die goldene Ananas“ sagt man im Fachjargon, geht es in solchen Spielen. Reckermann jedoch blickt aus einer anderen Perspektive auf die vorerst vorletzte Bundesliga-Partie seines Herzensclubs. „Das wird eine Herausforderung, ein Charaktertest.“ Denn wenn man den Bayern „mit 70 Prozent begegnet“, gebe es „ein Schützenfest – und das will niemand haben“.
Dass die Mannschaft um die bekennenden Kölner Jonas Hector, Timo Horn, Marco Höger und Marcel Risse schon in Freiburg von den mitgereisten Fans getröstet und gefeiert wurde, kam nicht von ungefähr. Auch beim letzten Heimspiel im Oberhaus erwartet Reckermann „positive Emotionen“. Nicht euphorisch, aber in freudiger Erwartung auf ein „intensives Bundesliga-Spiel“ seien die Fans. Und dennoch sollte sich die Mannschaft des scheidenden Trainers Stefan Ruthenbeck vor der offiziellen Abschiedstournee vor Augen führen, dass man den Kredit auch „auf der Zielgeraden noch verspielen“ könne. „Erhobenen Hauptes in die Zweite Liga gehen“ – das ist das Ziel von allen in und um diesen Kult-Verein.
Es hat in Köln auch schon andere Zeiten gegeben. Reckermann weiß um den Sympathie-Anstieg seines Clubs, der der Liga fehlen wird. Der 38-Jährige will aber „keinen Heiligenschein über die Fans hängen“. Böse Worte, Platzstürme – Begleiterscheinungen von Abstiegen – musste man auch in Köln schon ertragen: „Aber man honoriert es hier, wenn die Mannschaft will.“ So wie in dieser Saison.
Es hat nicht sollen sein – „der Abstieg geht vollkommen in Ordnung“ –, weil „in der Hinrunde „alles zusammenkam“. Kaum Harmonie, wenig helfende Transfers, der frühe Trainerwechsel, der Rückzug von Jörg Schmadtke, dazu die Doppelbelastung. Reckermann möchte die Erlebnisse auf der europäischen Bühne dennoch nicht missen. Zum Auswärtsspiel beim FC Arsenal begleitete er das Team, auch drei Heim-Partien verfolgte er im Stadion. „Die Europa League war kein Fluch“, sagt er. Auch wenn der Preis womöglich der Abstieg war.
Ab kommender Saison geht es also nicht mehr gegen die Bayern, sondern erstmal gegen Sandhausen, Dresden und Co. Reckermann sieht das inzwischen positiv, vor allem mit Blick auf seinen Sohn. Fünf Jahre ist Emil nun alt, „das wird eine prägende Saison für ihn – da ist es immer schön, wenn man mehr gewinnt als verliert“. Und so eine Aufstiegsfeier behält man auch in jungen Jahren in Erinnerung. Dass weiß der Papa aus eigener Erfahrung.