München – Seine ersten zwei Matchbälle hatte er verschlagen, und dann das: Als sich Alexander Zverev gerade auf seinen dritten Aufschlag zum Sieg konzentrieren wollte, begann ein Baby auf der Tribüne zu kreischen. Die Mutter beeilte sich, die kleine Heulboje außer Hörweite zu tragen, jedoch dauerte das eine gefühlte Ewigkeit. In so einer Situation kann man mal sauer werden als Tennisprofi, Zverev aber lächelte die ganze Wartezeit. Den Matchball erledigte er dann fast mit einem Ass. Jan-Lennard Struff kam an die Kugel, die flippte aber ziellos ins Nichts. Das Ergebnis nach 62 Minuten: 6:3, 6:2.
Zum Heulen fand den Auftritt des Titelverteidigers am Freitag neben dem Baby nur der Anhang von Struff. Über Zverevs Machtdemonstration lässt sich hingegen sagen, dass sich da einer mit beeindruckendem Gebrüll in Richtung Finale der BMW Open aufmacht. Leichter als zuletzt in Monte Carlo entledigte sich der 21-Jährige der Aufgabe Struff, und er tat sich auch leichter als am Mittwoch gegen Yannik Hanfmann. Warum es diesmal gegen Struff so lief? Zverev lächelte dünn. „Ich habe heute nicht wieder sieben, acht Aufschlagspiele verloren.“ Nur 36 Prozent seiner Erstversuche flogen im Fürstentum ins Feld, „das war das schlechteste Aufschlagspiel in meiner ganzen Karriere“. Am Freitag am Aumeister hingegen gab er sich null Blöße. Struff hatte keine Chance.
Zverev, Nummer drei der Welt, bekommt es am heutigen Samstag im Halbfinale mit dem gleichaltrigen Hyeon Chung zu tun. Als sie noch bei den Junioren starteten, besiegte er den Südkoreaner in zwei Duellen, im Erwachsenenbereich lautet die Bilanz 0:2 aus Sicht des Deutschen. „Seine Beine sind breiter geworden“, witzelte Zverev bezüglich der Gründe, um aber dann ernster hinzuzufügen, dass die jüngsten Vergleiche als Blaupausen nicht zulässig seien. Das erste Duell in Barcelona sei „so schlecht gewesen, dass man darauf nicht zurückschauen muss“. Neulich bei den Australien Open habe er bis zum fünften Satz sehr gut gespielt, dann jedoch abgeschenkt. Die bisherigen Niederlagen herunterzuspielen, heißt aber nicht, dass er ohne Respekt in die nächste Auflage geht. „Chung macht keine Fehler, so wie Novak Djokovic zu besten Zeiten.“ Duelle zwischen den Beiden könnten, so der Hamburger, künftig zu Klassikern werden.
Konserviert Zverev aber seine Form über Nacht, spitzt sich zunächst alles im Sinne der Turnierorganisatoren auf ein Finale am Sonntag bei Sonnenschein zwischen ihm und dem dreifachen Triumphator Philipp Kohlschreiber zu. Der Augsburger präsentiert sich am Aumeister wie gewohnt in starker Form. Am Freitag stellte der Spanier Roberto Bautista Agut bei einem 6:4, 6:4-Sieg keine große Hürde dar. Kohlschreiber muss am heutigen Samstag gegen Maximilian Marterer ran, der Marton Fucsovics mit 6:3, 6:4 heimschickte. Den Coup seines Landsmanns gegen Diego Schwartzman im Achtelfinale bezeichnete Kohlschreiber respektvoll als „Monstersieg“. Dennoch dürfte die Nummer 70 der Weltrangliste eigentlich kein Problem sein.
Bevor Kohlschreiber Bautista Agut auseinanderfieseln konnte, stand am Freitag im Anschluss an Zverevs Machtdemonstration noch eine familiäre Feierstunde an. Vater Alexander Sverev wurde auf dem Center Court vom Deutschen Tennis Bund als Trainer des Jahres geehrt. Die Pokalübergabe hatte man vier Monate vor sich hergeschoben, um den richtigen Rahmen zu finden, und allzu oft schauen die Weltreisenden in Sachen Tennis nicht in ihrer deutschen Wahlheimat vorbei. Zverev drückte den Papa an die Brust und sagte: „Er ist einer der größten Trainer der Geschichte. Er hat meinen Bruder Mischa und mich aus dem Nichts in die Top 25 geführt – für mich ist er der Größte der Welt.“ Das Baby, das kurz zuvor noch den finalen Aufschlag sabotiert hatte, schwieg zu dem Zeitpunkt, es schlief vermutlich. Eigentlich schade, dass es nicht mitbekommen hat, wie vorbildlich artig Filius Zverev mit seinem Herrn Papa umgegangen ist.