Wahrheit in Bermudas

von Redaktion

Bayern lässt sich Saison nicht kaputtreden, sondern fokussiert sich aufs Pokalfinale – ohne Neuer?

von hanna raif

München – Die Mode war in den neunziger Jahren eine andere, aber schon damals war Hermann Gerland nicht unbedingt für seinen guten Kleidungsstil bekannt. Als der „Tiger“ einst an der Säbener Straße vorstellig wurde, kam Jupp Heynckes ob des Auftritts seines vorgeschlagenen Kandidaten sogar kurzzeitig in Erklärungsnot. „In Bermudas und Birkenstock stand der da“, erinnerte sich der Bayern-Trainer am Freitag, er musste herzlich lachen. Trotzdem wusste er schon damals, was gut 28 Jahre später längst kein Geheimnis mehr ist. „Hermann ist ein Experte, ein alter Fuchs“ – und dieser alte Fuchs hat erst zuletzt gesagt: „Jupp, ohne uns hätte diese Saison beim FC Bayern nicht diesen Verlauf genommen.“

Die Worte wurden vor dem schmerzhaften Aus in der Champions League gesprochen, das auch zwei Tage nach der Rückkehr aus Madrid noch nachwirkt – aber am Gesamtfazit nichts geändert hat. Das Double vor Augen zu haben, in der Champions League nach einer Vorstellung gescheitert zu sein, die der scheidende Coach als „Kunst“ bezeichnet – so die einhellige Meinung –, ist aller Ehren wert. Heynckes wirkte am Tag vor dem sportlich unbedeutenden, für die Stimmung aber durchaus bedeutenden Auswärtsspiel beim 1. FC Köln keineswegs mehr enttäuscht, sondern aufgeräumt und gut gelaunt. Durchaus „greifbar“ wäre der Champions League-Titel gewesen, „wir hätten keine Mannschaft fürchten brauchen“. Aber: „Man muss damit umgehen. Das ist das reale Leben. Wir müssen daraus Motivation ziehen für die restlichen Aufgaben.“

Zuversicht, dass „wir wieder in den Rhythmus finden“, hat schon das Reservisten-Training am Tag nach der Rückkehr gemacht („überragend“), auch das Malheur von Sven Ulreich ist angeblich vergeben und vergessen. Heynckes versicherte, den Keeper nach seinem Black-Out in Madrid „nicht aufbauen“ zu müssen: „Er hat mein Vertrauen und vertraut mir.“ Ulreich selber ließ über die „Bild“ verlauten, sich die Saison „nicht kaputtreden“ zu lassen: „Das war die beste Spielzeit, die ich je gespielt habe.“ Noch ist sie für den 29-Jährigen nicht vorbei. In Köln wird Ulreich auf jeden Fall zwischen den Pfosten stehen, vor der letzten Bundesliga-Partie am kommenden Wochenende gegen Stuttgart dann soll Manuel Neuer dem nächsten Leistungstest unterzogen werden.

Über Aufwärmen und Übungen im Kreise der Mannschaft ist der Nationalkeeper bisher nicht hinausgekommen. Das Training soll Neuer nach seiner monatelangen Pause in der kommenden Woche daher noch mal „forcieren“, optimalerweise „auch bei den Spielchen mitmachen“. Dann werde man „sehen, wie weit er ist“. Klappt es gegen Stuttgart nicht, bliebe als WM-Härtetest nur noch das Pokalfinale gegen Frankfurt. Ob ein Kaltstart auf diesem Niveau denkbar sei? Der bestens aufgelegte Heynckes gab die einzig flapsige Antwort des Tages: „Abwarten.“

Richtig schlau wird man derzeit nicht aus dem Plan, der für das Comeback vorgesehen ist. Zwar schwärmte Heynckes vom Fitnesszustand Neuers, „das erleichtert den Wiedereinstieg“; er sagte aber auch: „Risiko darf er nicht eingehen.“ Ein Einsatz habe nur Sinn, „wenn die Ärzte grünes Licht geben und er es selbst spürt“. Im Moment habe er „noch große Ambitionen, zur WM zu gehen“.

Die Torhüterfrage wird Heynckes begleiten, „bis der Vorhang fällt“, wie er nett umschrieb. Egal, wer das Tor in Berlin hüten wird: „Ich möchte, dass wir einen optimalen Abschluss haben.“ Noch ein Mal den Pokal in die Höhe stemmen – das hätte schon was. Und für das Sieger-Bankett würde sogar der „Tiger“ die Bermudas gegen den Anzug tauschen. Und die guten, alten Birkenstock daheim lassen.

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