Bis die Knöchel blutig sind

von Redaktion

Von Maier über Schumacher, Kahn und Enke bis zu Neuer: Aus welchem Holz müssen deutsche Torhüter geschnitzt sein?

VON ANDREAS WERNER

München – Toni Schumacher hatte einen Trick, „für den Kopf“, verrät er: Während eines Spiels, sagte er sich immer, machte er keinen Fehler, niemals. Das Gehirn eines Torwarts ähnelt seinem Fünfmeterraum, es ist sein Hoheitsgebiet. Wenn ein Patzer unterläuft, wird das Bild davon so kompromisslos herausgedrängt wie in der Realität ein Stürmer bei einer Ecke. Nach der Partie, zuhause, ging Schumacher nach einem Patzer dann immer in den Keller. Da hing ein Sandsack. Auf den prügelte er ein. 30, 45 Minuten lang. „Oft, bis die Knöchel blutig waren“, erzählt er. Willkommen in der Welt der Torhüter, in einer Welt, in der nur eines zählt:

Die Nummer 1.

Der gleichnamige Fußball-Film von Regisseur Gerhard Schlick spürt auf äußerst packende Art dem Phänomen nach, aus welchem Holz die Männer geschnitzt sein müssen, die sich im Zweifel die Knöchel blutig klopfen. „Immer der Beste sein zu müssen, ist eine gigantische Herausforderung“, sagt Oliver Kahn,

Kahn musste hören: Vielleicht wird er mal ein Amateur-Torwart

„größer geht es nicht.“ Gleich die ersten Szenen zeigen den Titan, mit blutender Schläfe nach einem Golfballwurf in Freiburg oder wie er einsam nach dem verlorenen WM-Finale 2002 am Pfosten lehnt. Er hatte Deutschland durchs Turnier gefaustet, wie nie zuvor prägte er als Torwart das Geschick eines Teams. Dann patzte er im Endspiel. „Wie besch . . .   ist es als Torwart? Das macht alles keinen Sinn“, dachte er in diesen einsamen Momenten in Yokohama. Im Prinzip, sagt Manuel Neuer, steht man als Torwart alleine da. „Keiner kann dir helfen.“

Es ist kein neues Bild, das in dem Film gezeichnet wird, aber er beleuchtet auf intensive Art die Brüche, die die Lebensläufe der deutschen Nationaltorhüter prägen. Oliver Kahn startete mit 18 mit einem 0:4 und einem 1:3 in seine Laufbahn. Das mit dem Kahn wird nichts, bekam er damals zu hören, erzählt er in der Dokumentation. Ein guter Amateurtorwart vielleicht, mehr nicht. „Es stand auf der Kippe.“ Die nächsten Bilder zeigen ihn im Mai 2001, wie er den entscheidenden Elfmeter im Finale der Champions League pariert. „Er hätte Berge versetzen können“, sagt Sepp Maier in der folgenden Einblendung. Maier muss es wissen. Er war doppelt stilbildend für das deutsche Torwartspiel, als Aktiver wie später als Mentor von Kahn.

Dennoch wurde auch er gestürzt, der Film nimmt sich für diese Episode viel Zeit. Als Jürgen Klinsmann vor der WM 2006 Kahn als Nummer 1 absetzte, entließ er auch den Torwarttrainer der Nationalelf. „Das war etwas Persönliches, ich war ihm schon immer ein Dorn im Auge“, erzählt Maier, der selbst über ein Jahrzehnt später grollt, was das „für ein Schmarrn“ gewesen war, als Klinsmann Kahn plötzlich als „Nummer 1a“ und Jens Lehmann als „Nummer 1b“ bezeichnet hat. Wäre er damals so wie Kahn rasiert worden, er hätte „alles hingeschmissen: Macht euren Dreck alleine!“ Wer genau hinschaut, erkennt in Maiers Hand bei diesem Einspieler die Schnupftabakdose, die darf bei ihm nie fehlen. Kahn entschied an einem Sonntag auf der Couch, nicht beleidigt durch die Hintertür zu gehen, erzählt er. Es war aber hart: „Heimturnier, volle Stadien – und du gehst nicht ins Tor, sondern zur Bank.“ Man hört noch den Sätzen Kahns nach, da konfrontiert einen der Film mit einem unvergleichbar härteren Schicksal.

Robert Enke wurde mit 20 Nummer 1 in Gladbach, später bei Benfica Lissabon titelten Portugals Zeitungen „Hero“, doch als er beim FC Barcelona den Boden unter den Füßen verlor, stürzte er, letztlich ohne Halt: Existenzängste, zwischenzeitliche Arbeitslosigkeit. Sie habe immer wieder zu ihm gesagt: Lass die Nationalelf, lass uns nach Lissabon zurück, lass uns das Leben genießen, erzählt Teresa Enke im Film. Am 10. November 2009, als er in Hannover längst wieder Fuß gefasst zu haben schien, nahm er sich das Leben. Er habe nie gewollt, dass seine Depressionen öffentlich werden, berichtet seine Witwe mit brüchiger Stimme, „das war ja sein Beruf. Im Nachhinein war alles Wahnsinn.“

Kerzen am Bahnübergang, während Blitzlichter scheitern, die bedrückendste Pressekonferenz der deutschen Fußballgeschichte ins rechte Licht zu rücken, wird aus Enkes Abschiedsbrief vorgelesen. Er entschuldige sich bei seinen Vertrauten für seine bewusste Täuschung, es ginge ihm gut, „sonst hätte ich meinen Selbstmordplan nicht umsetzen können“. Teresa Enke: „Wir dachten, mit Liebe geht es – aber man schafft es einfach nicht immer.“

Maier zur WM 1974: „Breitner hatte schon das Taxi bestellt“

Der Film versucht sich gar nicht erst an einer nahtlosen Überleitung, das wäre auch ein Eigentor. Der Bruch tut gut, Sepp Maier erzählt über die Nacht von Malente bei der WM 1974 nach dem 0:1 gegen die DDR, als Bundestrainer Helmut Schön „von der Mannschaft nichts mehr wissen wollte und Paul Breitner schon das Taxi bestellt hatte“. Er habe damals alles „mit Blödsinn überspielt, das mach ich heute noch so“, erzählt er. Vor dem WM-Finale holte er sich aus der Kantine eine Käsesemmel, „weil ich das gebraucht hab’ – aber der Schön fragte: ,Sepp, spinnst’ jetzt?’“ Weltmeister wurden sie aber dann doch, freilich.

Schumacher verlor das WM-Finale zwei Mal, und in Frankreich bezeichneten sie ihn nach seinem Foul 1982 an Patrick Battiston als „Unmensch, aus dem Holz geschnitzt wie die Wächter in Dachau“, erinnert er sich. Doch er hatte stets seine Mutter im Ohr: „Nie aufgeben.“

Dass sogar Manuel Neuer weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Volk gegen einen ist, beleuchtet der Film am Ende. Als der erklärte Schalker Ultra zu Bayern wechselte, empfingen ihn die Fans in München mit „Koan Neuer“-Schildern. Wie er einst dazu kam, sich in den Kasten zu stellen? Neuer grinst: Es war einfach kein anderer da. „Der Doofe musste ins Tor.“

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