EISHOCKEY-WM

Ganz schwierige Kopfsache

von Redaktion

Das deutsche Team braucht nun dringend einen Sieg gegen Südkorea, um nicht tief in den Abstiegsstrudel zu geraten

VON THOMAS LIPINSKI

Herning – Kein Training, keine Interviews, keine Pressetermine: Nach dem WM-Fehlstart schottete Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm seine Spieler ab. Denn die Situation ist heikel. Statt ums Viertelfinale geht es zweieinhalb Monate nach Olympiasilber bei der WM in Dänemark plötzlich um den Klassenerhalt. „Wir haben jetzt unser wichtigstes Spiel, um nicht in den Strudel zu kommen“, sagte Verbandschef Franz Reindl vor dem Duell mit dem WM-Neuling Südkorea an diesem Mittwoch (16.15 Uhr/Sport1).

Der 63-Jährige weiß, wovon er spricht. 1976 gewann er in Innsbruck sensationell die Bronzemedaille, doch dem Olympia-Rausch folgte schnell der WM-Kater: Zehn Wochen später schrammte das deutsche Team in Polen nur haarscharf am Abstieg vorbei. „Das kann man nicht vergleichen“, meinte Reindl allerdings und ergänzte mit Blick auf die aktuellen WM-Spieler: „Die waren damals ja alle noch nicht geboren.“

Doch im Moment erlebt Sturms Team mit nur noch zehn Olympiahelden von Pyeongchang Ähnliches. Die Erwartungen sind enorm gestiegen, die Gegner heiß auf das Olympia-Überraschungsteam, und die Belastungen – physisch und psychisch – nach einer besonders langen Saison extrem hoch.

„Ich sehe viele Parallelen“, sagte Alois Schloder, vor 42 Jahren Kapitän der Bronzegewinner: „Das Brutale ist, dass du diesen wahnsinnigen Erfolg hast und dann daran gemessen wirst. Jetzt gibt es nur noch Endspiele – eine ganz schwierige Kopfsache.“

Gerade deshalb gab Sturm seiner Mannschaft nach der dritten Niederlage im dritten Spiel am Dienstag frei. In der Trainingshalle gingen nur die Reservisten aufs Eis, alle Medienaktivitäten wurden gestrichen, auch seinen eigenen geplanten TV-Auftritt sagte Sturm ab. „Wir sind jetzt leider in einer Situation, in die wir nicht wollten“, gab er zu.

Nach drei Niederlagen in den ersten drei Spielen ist die Chance auf den dritten Viertelfinaleinzug in Folge auf ein Minimum gesunken. Eine weitere Pleite gegen die Südkoreaner würde die DEB-Auswahl sogar in den Existenzkampf schlittern lassen. „Es ist ein Spiel, das wir unbedingt gewinnen müssen“, betonte Sturm.

NHL-Verteidiger Korbinian Holzer forderte gegen den krassen Außenseiter, der durch sechs eingebürgerte Nordamerikaner verstärkt wird, deshalb: „Wir müssen mit dem nötigen Ernst in die Partie gehen.“ Einen ersten Warnschuss hatte das deutsche Team in der WM-Vorbereitung erhalten, als es sich mit den NHL-Profis Leon Draisaitl und Dennis Seidenberg nach zweimaligem Rückstand zu einem 4:3 gegen Südkorea gequält hatte. „Es ist ein Gegner, der jedem ein Bein stellen kann“, warnte Verteidiger Moritz Müller.

Auf eine Erfahrung wie 1976 ist niemand scharf. Damals retteten sich Schloder, Reindl und Co. erst im allerletzten Spiel durch ein Tor 21 Sekunden vor Schluss gegen Polen. „Daran“, meinte Reindl, „will ich jetzt gar nicht denken“.

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