München – Auch drei Tage danach wirkt die Homepage des TSV 1860, als sei nach dem 3:0-Sieg in Pipinsried die Zeit stehen geblieben. Das große Foto der Startseite zeigt die Mannschaft, wie sie sich am Samstagabend noch mal mühsam für die Fotografen hingestellt hatte: Die meisten Spieler tragen das inzwischen ausverkaufte Meistershirt, der halbnackte Kodjovi Koussou zeigt Muckis, Tätowierungen und seinen Ghettoblaster. Benjamin Kindsvater, ebenfalls oben ohne, lässt dem vor ihm sitzenden Daniel Wein Bier über den Kopf laufen. Ein schönes Stillleben, ein Zeitdokument gar, auf dem es auch bei längerem Betrachten einiges zu entdecken gibt.
Ein bisschen verwunderlich ist allerdings, dass sich das Foto mit der Anrisszeile „Meister!“ so lange als Blickfang gehalten hat, denn gestern um 9.14 Uhr machte eine Nachricht die Runde, die ebenfalls das Zeug zu einer Breaking-News-Meldung gehabt hätte. Sie wurde aber nicht über die offiziellen Kanäle des Regionalligameisters verbreitet, sondern über das private Sprachrohr von Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik. Die Betreffzeile der Rundmail an die Sportredaktionen lautete: „Finanzierung des TSV 1860 steht.“ Abgeschickt von Michael Tibudd, dem Sprecher des Sprechers des Jordaniers.
Der Investor, so lässt Aufsichtsrat und Ismaik-Statthalter Saki Stimoniaris mitteilen, habe seine Zusage für eine Budgetaufstockung gegeben. Man habe sich nach einem Treffen am Sonntag dazu entschlossen, die Wünsche von Trainer Daniel Bierofka und Sportchef Günther Gorenzel zu erfüllen – „zu 100 Prozent“, wie es im Wortlaut heißt. Konkret bedeute das: „Wir stellen ein zusätzliches Budget zur Verfügung, damit einerseits die Verträge des Trainerteams verlängert werden können, andererseits aber auch die Mannschaft die notwendigen zusätzlichen Verstärkungen bekommt – unabhängig von der Spielklasse.“ Es sei zudem der ausdrückliche Wunsch Ismaiks, „die U 21 am Leben zu halten“. Die Jugendarbeit sei schließlich „das A und O“ bei 1860. Es liest sich, als würden ab sofort alle Wünsche in Erfüllung gehen, die sich Fans, Verantwortliche, Alt- und Junglöwen in ihren kühnsten Träumen ausmalen.
Nur: Warum wird so eine positive Nachricht dann nicht auf der offiziellen Homepage tsv1860.de verbreitet? Die Erklärung könnte im einleitenden Absatz der Rundmail liegen, in dem es heißt: „Die Finanzierung der kommenden Saison bei den Löwen ist gesichert – vorausgesetzt, alle Gesellschafter der Profiabteilung stimmen zu.“ Das nämlich dürfte der Knackpunkt bei Ismaiks so generös erscheinendem Hilfsangebot sein. Die Zustimmung aller Gesellschafter ist erforderlich, also auch die der e.V.-Führung, mit der Ismaik nach wie vor ein Nichtverhältnis pflegt.
Nettes Angebot, aber . .
Bester Beleg ist, dass weder Robert Reisinger („Ich wusste gar nicht, dass Ismaik in der Stadt ist“) bei der Sonntagsrunde im „Charles“ anwesend war noch der vom Präsidium per 50+1-Diktat eingesetzte Geschäftsführer Michael Scharold. Bei den Repräsentanten des Vereins und der KGaA dürfte die Freude gestern nicht ganz so ungetrübt gewesen sein. Sinngemäß war aus e.V.-Kreisen Folgendes zu hören: Nettes Angebot, aber jetzt warten wir mal ab, an welche Bedingungen das diesmal geknüpft ist.
In einer Reaktion des Präsidiums, die ebenfalls nicht auf der Homepage landete, liest sich das so: „In der kommenden Sitzung des Aufsichtsrats der TSV 1860 GmbH & Co. KGaA sind zunächst die Rahmenbedingungen für diesen Schritt zu klären. Stehen diese im Einklang mit Verbandsregularien sowie kaufmännischer Vernunft und greifen auch nicht in die Vereinsautonomie ein, darf von einer Zustimmung des Präsidiums ausgegangen werden.“ Fein formuliert, denn bekanntlich ist 1860 ja nur in der 4. Liga gelandet, weil man bis zum ominösen Schwarzen Freitag davon Abstand nahm, auf Ismaiks statutenwidrigen, sechs Punkte umfassenden Forderungskatalog einzugehen.
Weder der einen noch der anderen Seite waren gestern Kommentare zu entlocken, die davon zeugen, dass bei den Löwen nun wirklich an einem Strang gezogen wird. Zu befürchten ist vielmehr, dass das Thema auch die anstehenden Playoff-Duelle mit Saarbrücken überlagern wird. Exakt das, was Ismaik laut dem Schreiben verhindern möchte. Der Mann am Geldhahn dürfte gestern trotzdem viele neue Unterstützer hinzugewonnen haben.
Und jetzt ist die e.V.-Seite am Zug. Die Sache ist durchaus tückisch. Wer nicht auf ein Angebot eingeht, das nach sorgenfreier Zukunft klingt, der hält schnell den Schwarzen Peter in Händen.