Man könnte meinen, dass zwei Tage in einem Fall, der die Fußball-Gemüter seit mehr als acht Monaten erhitzt, nicht viel sind. Der Blick nach vorne aber spricht für die gegenteilige Darstellung: Noch 34 Tage werden vergehen, ehe in Russland die WM angepfiffen wird. Und das heißt: Zwei Tage sind in der Causa Manuel Neuer – auch bekannt als: „Fuß der Nation“ – 48 Stunden, in denen viel passieren kann.
Die Zeitspanne seit Dienstagabend, seitdem Neuer also erstmals persönlich Zweifel an der Turnierteilnahme anmeldete, hat einen ersten Vorgeschmack darauf gegeben, was im kommenden Monat noch passieren kann. Irgendwo zwischen „Hoffen“ und „Bangen“, „Fortschritten“ und „Rückschlägen“, „Risikoabwägung“ und „Karriereende“ bewegt sich das Vokabular der sogenannten Experten aktuell. Jeder hat eine Meinung, jeder gibt seinen Senf dazu. Die Wahrheit ist auch deshalb schwer ans Licht zu bringen, weil eine Reha keinem Navigationsgerät folgt. Der FC Bayern hat aus schlechten Erfahrungen gelernt – und sieht von Prognosen ab. Zum Vorwurf kann man ihm diese Taktik nicht machen.
Dass der Fall Neuer ein anderes Gewicht hat als jener anderer Patienten, liegt in der Natur der Sache. Es geht um das Fehlen oder Mitwirken des weltbesten Torhüters, einer natürlichen Autorität in diesem Team, dazu des Kapitäns der Weltmeister-Elf. Die Sensibilität der Beteiligten ist nachvollziehbar, die Wut, mit der Jupp Heynckes seiner wohl falsch zitierten Aussage („er wird gegen Stuttgart nicht spielen – und im Pokalfinale auch nicht“) begegnet ist, ebenfalls. Die nun kursierende Darstellung: Vor dem Endspiel in Berlin wird abgewogen, ob ein Einsatz sinnvoll ist. Die wahrscheinlichste Antwort: Ist er nicht.
Die Zeit rennt – die Bayern tun alles, um den Druck, den Neuer sich selbst macht, nicht unnötig zu erhöhen. Trotzdem sollte man sich langsam, aber sicher auf eine WM ohne den Bayern-Keeper einstellen. Und die Frage stellen: Wäre das so schlimm?
Natürlich würde dieser Verlust schmerzen. Noch schmerzhafter aber wäre es, würde Neuer nun falsche Entscheidungen treffen und tatsächlich seine Karriere aufs Spiel setzen. Für ihn selbst, den FC Bayern, Fußball-Deutschland und auch den möglichen Stellvertreter Marc-Andre ter Stegen wäre baldige Klarheit von Vorteil. Sonst dürften die nächsten 34 Tage für alle verdammt anstrengend werden.