Das kleine Finale

von Redaktion

Heynckes sieht letzten Auftritt in München als Härtetest – ohne Robben, der aber bis 2019 verlängert

von hanna raif

München – Einen Abschied, wie Jupp Heynckes ihn mag, den konnte man am Freitag erleben. Eine letzte muntere Fragestunde mit der Münchner Medienschar, ein kleiner Blick zurück, ein deutlich größerer voraus, ernste Sätze wie Lacher, Dankesworte und zum Abschluss warmer Applaus. Was an diesem Samstag, nach Abpfiff des letzten Bundesliga-Spiels gegen den VfB Stuttgart und somit Heynckes’ offizieller Dernière in der Allianz Arena passiert, braucht der scheidende Bayern-Coach hingegen nicht in allen Ausprägungen. Die Übergabe der Meisterschale wird den 73-Jährigen stolz machen und der letzte Auftritt vor den heimischen Fans „ein bisschen Wehmut“ aufkommen lassen. Aber Weißbierduschen? „Da kann ich drauf verzichten.“

Das sagte Heynckes am Tag, bevor ihn das klebrige Gesöff höchstwahrscheinlich den nächsten Anzug ruinieren wird. Er seufzte. „Was lässt man nicht alles über sich ergehen?“ Eine Frage, die diesen letzten Bundesliga-Arbeitstag beschreibt, aber auch gut auf die vergangenen sieben Monate projiziert werden kann. Was hat dieser Ruheständler nicht alles getan, um diesen, seinen Club wieder in die Erfolgsspur zu bringen?

Heynckes schiebt sein durchaus erfolgreiches Wirken – in der Liga kann der Rekordvorsprung von 25 Punkten aus der Saison 2012/13 noch überboten werden – auf das „Helfersyndrom“, das in ihm schlummert. Es hat seit dem 9. Oktober „keinen Tag gegeben“, an dem er unzufrieden gewesen sei, „überhaupt nicht“. Und trotzdem merkt man ihm die Vorfreude auf all das, was nach dem Pokalfinale am kommenden Wochenende gegen Frankfurt kommt, immer deutlicher an. Wenn in den Tagen danach die letzten Gespräche mit den Klubobersten geführt sind und das Trainerbüro geräumt ist, werde er „nichts vermissen“. Sein Plan? „Das Leben genießen und zur Anonymität zurückfinden.“ Sein Angebot? „Meine Tür steht für alle offen, wenn es Problemchen gibt.“ Seine Überzeugung? „Dass der FC Bayern da weitermacht, wo wir aufgehört haben.“ Seine Arbeit soll nicht umsonst gewesen sein.

Man hat sich an der Säbener Straße nun wochenlang darauf vorbereiten können, dass diese kleine Abschiedstournee Mitte Mai ihren Höhepunkt erleben wird. „Einem der größten Trainer in der Geschichte des FC Bayern – vielleicht sogar dem allergrößten“ müsse man Servus sagen, sagt Karl-Heinz Rummenigge. Es ist das kleine Finale für Heynckes, ein „Freudenfest“, aber „wir wollen gerne am nächsten Samstag noch ein Highlight hinzufügen“. Die Partie gegen Stuttgart, den Zweiten der Rückrundentabelle, soll kein Austraben sein, sondern ein Härtetest für die erste Elf. Fehlen werden neben den Langzeitverletzten auch Arjen Robben, den erneut muskuläre Probleme plagen („ein, zwei Tage nur Reha“), und David Alaba („Nerv im Rücken“). Ansonsten aber will der Trainer „die Mannschaft spielen lassen, die auch am nächsten Samstag aufläuft“.

Für Sandro Wagner heißt das, dass das Duell mit seinem WM-Kader-Konkurrenten Mario Gomez ausfällt. Heynckes ist sich zwar sicher, dass sich „Sandro längst empfohlen hat“, er könne aber weder „persönliche Ziele“ in seine Überlegungen einbeziehen noch „Experimente eingehen“. Für Robert Lewandowski bietet sich so die Chance, die 30-Tore-Marke zu knacken. Heynckes hat nach wie vor Verständnis für den jüngsten Unmut des Stürmers – obwohl er der Einzige war, der sich mal unzufrieden mit dem Coach gezeigt hat.

Auch Rafinha bleibt, Evina erhält Vertrag

Zwei der letzten Baustellen von Heynckes’ Amtszeit wurden am Freitag beseitigt. Kurz nachdem der Coach das Podium verlassen hatte, verkündete der Rekordmeister die Verlängerung mit Robben und Rafinha. In den „kommenden Tagen“ werden die beiden Altmeister die Unterschriften unter die bis 2019 datierten Kontrakte setzen und dann – auch ohne Heynckes – laut Hasan Sailhamidzic „eine wichtige Rolle spielen“. Zudem erhielt Franck Evina einen Profivertrag bis 2021. Die 17-jährige Offensivkraft spielte zuletzt bereits zwei Mal in der ersten Mannschaft. Robben überholt mit seinem elften Meistertitel unterdessen heuer Legende Johan Cryuff.

Die Schale nehmen trotzdem andere in Empfang. Dass Ersatz-Kapitän Thomas Müller und Neuer als Doppelspitze auftreten, spiegelt für Heynckes „die Atmosphäre in meinem Team wider“. Nur mit Bierduschen muss man auch bei Neuer vorsichtig sein. Er sollte nicht ausrutschen, denn die jüngsten Trainingseindrücke stimmen „optimistisch, dass er zur WM fahren wird“. Für Heynckes wäre der Anblick ein Genuss. Daheim, in Schwalmtal. Als einfacher Fan, allerdings: „Ohne Chips und Bier. Mit stillem Wasser.“

Ein Unikat, dieser Mann.

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