Die vorletzte Woche hat uns mal wieder gelehrt, wie gemein der Fußball sein kann. Gäbe es, wie etwa im Eiskunstlauf, Preisrichter, die Bayern hätten sicherlich die höchstmögliche Wertung bekommen und wären souverän ins Finale der Champions League eingezogen, hochverdient, keine Frage. Es war schon faszinierend, wie sie neben einer unglaublichen spielerischen Qualität, die sie auf den Rasen zauberten, bis zur allerletzten Sekunde der 96 Minuten um jeden Zentimeter gekämpft haben und gerannt sind, den Platz rauf und runter, als gäbe es kein Morgen.
Gut, dass wir gerade wieder erfahren haben, wie sauber der Fußball ist. Schließlich hat uns die jüngere Geschichte des Sports bei solch fast übermenschlichen Kraftakten reichlich misstrauisch gemacht, wir haben mal Lance Armstrong bewundert, Jan Ullrich als Helden verehrt, Johann Mühleggs Olympia-Gold gefeiert, Marion Jones oder einst dem grandiosen Ben Johnson gehuldigt. Und mussten hinterher erfahren, dass derartige Ausnahmeleistungen auch (oder vor allem) ein Erfolg der Pharmazeuten waren. Schon ziemlich ernüchternd.
Manchmal schämen wir uns nun, dass wir alles sofort hinterfragen. Zum Glück gilt zumindest mal der Fußball noch immer als eine Insel der Glückseligen, die paar Fälle, die es gab, waren für uns nicht ganz so spektakulär oder schnell wieder vergessen. Und zuletzt hat ja nun der ruhmreiche „Mull“, Bayerns und Deutschlands bekanntester Sportmediziner Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, in einem Zeit-Interview nochmals betont, wie wenig Doping im Fußball bringe, nämlich nichts, gar nichts.
Müller-Wohlfahrt betreut den FC Bayern und das Nationalteam, ihm wollen wir sofort glauben, dass in seinem Zuständigkeitsbereich alles mit rechten Dingen zugeht. „Mull“ ist 75, er würde sein Lebenswerk, seinen Ruf zerstören, wäre es anders. Aber ist es nicht ein wenig blauäugig, alles, was über Doping im Fußball bekannt geworden und berichtet worden ist, als Märchen abzutun? Wo hat er hingeschaut die letzten Jahrzehnte? Eine weltweite Praxis des Dopings auch im Fußball ist belegt durch Geständnisse, Gerichtsurteile und Dokumente, selbst unsere „Helden von Bern“ sind nicht bar aller Zweifel.
Mull rede Müll, hat folglich der Doping-Experte Fritz Sörgel die Aussagen Müller-Wohlfahrts gekontert, und die Nationale Doping-Agentur wies diskret auf die latente Versuchung hin, mit illegalen Mitteln etwa die Regeneration zu beschleunigen und verletzungsbedingte Ausfallzeiten zu verkürzen. Gerade im Millionen-Business Fußball bares Geld wert, während das Antrainieren von Muskelmassen per Anabolika in dieser komplexen Sportart kaum Erfolg verspricht, da hat der Doc wohl Recht. Die Figur eines Bodybuilders kann sich selbst ein Torhüter erst nach Ende seiner Karriere leisten.
Nun sind wir etwas verunsichert, zu gerne würden wir uns ja der Meinung Müller-Wohlfahrts vorbehaltlos anschließen, fürchten aber, dass der Fußball vor allem deshalb so sauber wirkt, weil ein bisschen lasch kontrolliert wird. Übrigens nicht nur im Fußball. Im Spiegel hat Floyd Landis den ganzen Weltsport als durchsetzt bezeichnet, das Testsystem, hat er dann gesagt, hinke „Jahrzehnte hinterher“. Landis sollte es wissen, als Radprofi war er lange Zeit Teil eines durch und durch verseuchten Systems, und daran habe sich, so Landis, „bis heute nichts geändert“.
Vielleicht ist es wirklich besser, wie Müller-Wohlfahrt einfach die Augen davor zu verschließen. Klassespiele in der Champions League, wie das der Bayern in Madrid, sollte man ohne jeden Argwohn genießen und fest daran glauben, dass der Fußball so sauber ist, wie ihn der Bayern-Doc sieht. Unbedingt leicht macht es einem der Sp(r)itzensport aber nicht.
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