Joachim Löw wird der Welt (mindestens) einen Fußball-Weltmeistertitel hinterlassen – und einen schönen Begriff. Es sei schwer, erklärte er vor vier Jahren, sich im dicht getakteten Alltag eines Trainers „auszufreuen“.
Ob er es dann, in den Stunden seines größten Triumphes, tat? Nach dem gewonnenen WM-Finale 2014 von Rio de Janeiro?
Zumindest nicht öffentlich. Was man von Joachim Löw sah: Auf dem Spielfeld des Maracana-Stadions Umarmungen mit Spielern und Spielerfrauen, dazu ein Mienenspiel, das von tiefster Zufriedenheit kündete. Er hat wohl auch eine Art Glücksschrei losgelassen, das lassen Fotos erahnen.
Im Stadion musste er die Contenance wahren. Schließlich hatte er noch eine Pressekonferenz zu absolvieren und analytisch zu bleiben; in der Kabine wartete die Bundeskanzlerin für ein Foto mit der Mannschaft, auch hierfür gelten Anstandsregeln. Austicken? Bitte erst danach.
Wie gefeiert wird, ist im Sport über die Jahrzehnte ein immer wuchtigeres Randthema geworden. Man nehme nur den Fußball: Die ersten deutschen Weltmeister von 1954 – noch klinisch rein, auch in der größten Freude. Brav fuhren sie mit dem Sonderzug heim, an den Bahnöfen nahmen sie höflich dankend Sachgeschenke der Bevölkerung entgegen. Die 74er – schon rebellischer am Abend des Titelgewinns, als Paul Breitner und Gerd Müller beim DFB-Bankett die Krawatten lockerten und die Zigarren anzündeten (dass man die Partnerinnen nicht zur Feier einließ, führte zu Verstimmung und Rücktritten). Von 1990 tauchte ein Super-8-Mitschnitt des Torwarttrainers und Hobbyfilmers Sepp Maier auf, der Rückschlüsse auf eine Art Badewannenparty zuließ.
Wie die Weltmeister, so auch die Deutschen und die regionalen Meister. Irgendwann war die flächendeckende Bierspritzerei auf den Fußballplätzen und in den Hallen nicht mehr aufzuhalten.
Louis van Gaal, Trainer des FC Bayern von 2009 bis 11, rief vom Münchner Rathausbalkon das Bekenntnis herab: „Ich bin ein Feierbiest.“ Weswegen nun Lokalreporter jedes Team, das gerade in die Landesliga aufgestiegen ist, fragen müssen: „Wer von euch ist das größte Feierbiest?“ Die Enthemmung ist zum Ritual des Sports geworden – so es denn einen Anlass gibt: Eine Meisterschaft, einen Aufstieg, einen Nichtabstieg. Oder einfach: Saison vorbei – und die neue ist noch so weit weg, dass man nicht an sie denken muss.
Warum feiert der Mensch? Der Schweizer Kulturwissenschaftler und Ethnologe Walter Leimgruber von der Universität Basel hat sich damit wissenschaftlich auseinandergesetzt, und seine Erkenntnisse gelten auch im Sport. Das Fest, erklärt er, lebe von Gegensatzpaaren: „Grenze und Entgrenzung, Zwang und Anarchie, Ordnung und Chaos.“ Das eine löst sich auf im anderen. Man tut also exakt das, was man im normalen Leben unterlässt. In der Gruppe fällt das leicht. „Man durchbricht gemeinsam die gewohnten Konventionen, entflieht der Monotonie des normierten Alltags mit seinen bisweilen belastenden Erfahrungen.“ Im Grunde, so der Forscher Walter Leimgruber, sei dieses andere Verhalten „nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht“. Und es dürfe/solle ruhig „ekstatisch“ sein.
Leistungssport im Alltag bedeutet: körperliche Anstrengung, Disziplinierung, sorgsamer Umgang mit der Ressource Körper, Achten auf die Ernährung, keine Sünden. Und immer wieder: sich fordernden mentalen Situationen zu stellen.
Wenn aber ein Ziel erreicht ist, „fallen der Handlungsdruck, das Entscheiden, Planen und die Sorge um die Zukunft ab und ermöglichen ein Aufgehen in der unmittelbaren Gegenwart“.
Leimgruber verweist auf den französischen Soziologen Emile Durkheim. „Für ihn lag das Wesen des Festes im Exzess, in der momentanen Rückkehr in das schöpferische Chaos der Ursprungszeit. Es ist wie eine religiöse Zeremonie.“ Zu der gehört: „Fröhliche Ausgelassenheit, ein Moment des Überdrehtseins, vorlaute und freche Bemerkungen, körperliche Nähe und Berührung.“
Eine genaue Beschreibung der Rollenspiele bei triumphalen Feiern. Erwachsene Menschen, die wie Kinder hüpfen. Die einander umarmen. Die schreien. Und sich gegenüber den Autoritäten mehr trauen als sonst.
Ein wunderbares Zeugnis einer solchen Szene liefert der Film „Die Mannschaft“ über den deutschen WM-Erfolg von 2014. Aufnahmen aus dem Bus, als dieser nach dem Finale vom Stadion zum Hotel fuhr.
Die Spieler wollen, dass ihr Trainer singt. Doch so weit geht das „Ausfreuen“ bei Löw nicht. Also werden die Spieler frech. Sie singen in Richtung des Bundestrainers: „Die Unterlippe wackelt schon, wackelt schon.“ Und: „Er blättert noch im Wörterbuch,. . .“ Eine letzte Grenze jedoch ist da: Löw verweigert den Gesangsauftritt – und den Spielern ist klar: Nach dem Exzess muss die Autoritätsordnung wieder hergestellt werden.
Was zum Fest gehört, sind, so Walter Leimbruber, „der Genuss von Alkohol, Tabak, Musik und Tanz“. Man kann sich auch wirklich schlecht vorstellen, dass jemand sich in stiller Andacht freut (einzige Ausnahme: der kurze Spaziergang von Franz Beckenbauer 1990 als Weltmeister-Trainer auf dem Rasen von Rom) oder am Mineralwasser nippt. Auch der Nichtraucher lässt die Zigarre dampfen.
Es scheint, als wäre in den vergangenen Jahren ein Wettstreit ausgebrochen, wer am intensivsten und originellsten feiert. Unter Fans ist fast so etwas wie ein Kulturkrieg entstanden deswegen. Dem FC Bayern wird dabei vorgehalten, er habe vor lauter Routine und Termindruck das Feiern verlernt. Nicht mal mehr die Fans finden sich zusammen zum Autokorso auf der Leopoldstraße. Thomas Müller sagte nach der jüngsten Meisterschaft, der sechsten in Folge, da gehe es wohl bei manchem Kreisklassenaufstieg stürmischer zu.
München ist nicht Dortmund, wo der Menschenschlag ein anderer, Titel seltener und die Partys daher „inklusiv und nicht exklusiv“ sind. So hat es Neven Subotic (heute AS St. Etienne) in einem Interview in der aktuellen „11Freunde“ beschrieben. Stichworte Lindemannstraße, Dortmunder Kreuzviertel, 2011. Abwehrspieler Subotic feierte auf seinem Auto stehend, den Oberkörper frei, inmitten von Fans. „Nach dem Spiel hatten wir im Pool der Kabine die Meisterschaft gefeiert, Dann kam die offizielle Ansage: Okay, in zwei Stunden ist Abendessen. Wir waren total aufgeregt und erwarteten etwas Besonderes. Und dann sollten wir ruhig zum Drei-Gänge-Menü und brav essen? Nein, das war alles andere, was ich mit diesem Moment verbinden wollte. Ich stürzte mich vor dem Essen mit meinen Freunden mitten ins Getümmel der Stadt.“
Den Ruf, am exzessivesten feiern zu können, hat die Hockey-Nationalmannschaft – seit Olympia 2012 in London. Die Gold-Party fand auf dem Kreuzfahrtschiff MS Deutschland statt. „Die Decken waren aus buntem Glas, alles war nobel und teuer eingerichtet. In dieser Umgebung bewegen sich im Normalfall Menschen der Altersgruppe 65 plus, und nun tanzte und trank dort eine Gruppe von 400 Menschen, die meisten jung und ausgelassen“, so der damalige Kapitän Moritz Fürste in seiner Autobiografie. Das Personal habe mitgefeiert, der Koch ein „Humba tätärä“ angestimmt, „nicht alle Zigaretten wurden ordnungsgemäß in Aschenbechern ausgedrückt“.
Den von der Reederei angegebenen Sachschaden von einer halben Million Euro hält Fürste für einen Marketing-Gag.
Trotzdem: Es ist der Deutsche Rekord, wenn sich jemand ausfreut.