Dortmund – Vor einem Jahr platzte der Plan A, Borussia Dortmund griff zu Plan B (wie Bosz). Mit zwölf Monaten Verspätung kommt nun doch der damalige Wunschkandidat: Lucien Favre wird beim BVB im zweiten Anlauf der Mann für einen Umbruch in turbulenten Zeiten. Der Schweizer folgt am 1. Juli auf Peter Stöger, weil OGC Nizza dieses Mal die Freigabe erteilte – und als Ablöse rund drei Millionen Euro erhalten soll.
„Borussia Dortmund zu trainieren, ist eine reizvolle Aufgabe, die ich sehr gerne übernehme“, sagte der 60-Jährige, „der BVB zählt zu den interessantesten Klubs in ganz Europa.“ Zudem freue er sich auf die Rückkehr in die Bundesliga.
Beim BVB ist man erleichtert und froh, den renommierten Coach bekommen zu haben. Die Verpflichtung von Favre, der in Dortmund einen Vertrag bis 2020 erhält, „ist ein wichtiger Teil unseres sportlichen Neustarts in diesem Sommer“, sagte Sportdirektor Michael Zorc. Der Schweizer „genießt bei uns hohe Wertschätzung für seine fachlichen Qualitäten“, die er in der Bundesliga bei Hertha BSC und in Mönchengladbach – genau wie zuletzt in Nizza – auch schon mehrfach eindrucksvoll unter Beweis gestellt habe, so der Ex-Nationalspieler.
Favre gilt als Perfektionist. Taktikbesessen sei er, sagen viele, in der Tat brütet er über den Spielsystemen. Er bevorzugt meistens ein 4-3-3, seine Teams spielen taktisch stabil, flott und ansehnlich. „Die meisten Tore fallen nach ein, zwei oder drei Ballkontakten“, sagt Favre. Also: Pressing, Kurzpassspiel, gute Konter, hervorragendes Umschalten. Gemäß seinem Credo: „Die Entwicklung einer Mannschaft ist nie vollendet.“
Ein Bessermacher: Das schätzen die Verantwortlichen des BVB. Favre kann allerdings auch sehr empfindlich sein. Bei Hertha BSC (2007 bis 2009) und Borussia Mönchengladbach (2011-15) zeigte er sich schnell dünnhäutig, wenn es Kritik gab. In Gladbach bot er an zu gehen, als es abwärts ging – später trat er via Medien zurück.
Doch seine Qualität als Coach ist bei früheren Weggefährten unbestritten. „Favre mag abseits des Trainingsplatzes mitunter schwierig gewesen sein“, sagte der frühere Hertha-Manager Dieter Hoeneß, „aber auf dem Platz gehört er zu den Besten, dort spielt er für mich in einer Liga mit Pep Guardiola.“
In Dortmund soll Favre nun für einen Neuanfang sorgen. Der Verein hat viele Talente in seinen Reihen, deren Potenzial muss nun zur Entfaltung gebracht werden. Noch wichtiger könnte es für den Trainer und den Klub allerdings werden, verdienten Spielern die Tür zu weisen. Die Zukunft von Marcel Schmelzer, Nuri Sahin und Shinji Kagawa ist offen. Schmelzer erklärte gestern seinen Rücktritt als Kapitän. „Es ist meine Entscheidung. Ich glaube, dass es so das Beste ist“, sagte der Ex-Nationalspieler, der unter Stöger teilweise gar nicht mehr zum Kader zählte.
Zu den weiteren Wackelkandidaten gehören Andre Schürrle, Jeremy Toljan, Andrej Jarmolenko und Gonzalo Castro. Kann Michy Batshuayi nicht gehalten werden, steht im BVB-Aufgebot für die kommende Saison vorerst kein gestandener Stürmer.
Die Basis immerhin ist mit dem erneuten Champions-League-Einzug gelegt. Lucien Favre soll nun den Umbruch vollziehen. Mit zwölf Monaten Verspätung.