Das Trainingslager wird blickdicht

von Redaktion

15 Tage Üben: So viel Zeit zur WM-Vorbereitung hatte Joachim Löw noch nie – Probleme und Skandale 2014

Von Günter Klein

München/Eppan – Joachim Löw könnte es niemals so bestätigen, denn sonst würde ihm die FC-Bayern-Fraktion aufs Dach steigen: Aber dass der deutsche Serienmeister nicht das Finale der Champions League erreichte, weil er gegen Real Madrid ausschied, ist ein Glücksfall für den Bundestrainer. Denn so muss er in der ersten Phase des Trainingslagers nur auf einen von 27 nominierten Spielern verzichten, auf den Madrilenen Toni Kroos. Und nicht auf sieben. Die da gewesen wären: Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Mats Hummels, Jerome Boateng, Niklas Süle, Sebastian Rudy, Thomas Müller.

So werden sich 26 Spieler am Samstagabend einen entspannten Fernsehabend gönnen, auf der Terrasse des Eppaner Hotels Weinegg womöglich, eingehüllt in Wolldecken – wie man es schon 2014, ein paar Kilometer im Passeiertal, gehalten hat. Auch damals: Weder Bayern noch die Dortmunder im Endspiel um Europas Krone – was den Bundestrainer davor bewahrt, ein zerrissenes Trainingslager abhalten zu müssen.

Wie wertlos die ganze Veranstaltung werden kann, hat sich in der Vorbereitung auf die Europameisterschaft 2012 (Polen, Ukraine) gezeigt: Zuerst ging es ohne Dortmunder und Münchner (die beiden Großclubs trafen im DFB-Pokalfinale aufeinander) zu einem Regenerationsaufenthalt nach Sardinien, zum richtigen Trainingslager nach Südfrankreich, in das Mäzen Dietmar Hopp die Nationalmannschaft gelockt hatte, rückten vorerst nur die Borussen ein; die Bayern hatten noch ihr großes „Finale dahoam“ gegen den FC Chelsea zu bestreiten, das für sie im gefühlten Fiasko der Niederlage nach Elfmeterschießen endete. Das DFB-Camp lief bereits über eine Woche, als die Bayern nachgereist kamen. Mies gelaunt, in den Gedanken noch bei diesem episch verunglückten Endspiel, ohne Energie für die Europameisterschaft. Dazu kam: die ausgeprägte Rivalität mit den BVB-Spielern, die im Pokalfinale den FC Bayern auseinandergenommen hatten (5:2) und sich überlegen fühlten. Gestörter Betriebsfrieden.

Löw ist es lieber so, wie es jetzt ist: Die Spieler noch halbwegs frisch, und es werden keine Vereinsstreitigkeiten ins Nationalteam transportiert. Angesagt sein wird: konzentriertes Arbeiten. Dieses Trainingslager dauert 15 Tage, das ist wirklich lang, vor vier Jahren musste Löw mit zehn auskommen. Das eine Testspiel, das eingebaut wird (2. Juni gegen Österreich), ist kein großer Einschnitt. Um 11 Uhr fliegt die Mannschaft los nach Klagenfurt, um 22.55 Uhr ist sie in Bozen zurück. Fahrtzeit von dort zum Hotel: zehn Minuten.

Trainieren wird Joachim Löw meist ohne Öffentlichkeit. Die „Sportzone Rungg“ in Eppan, bekannt aus der WM-Vorbereitung 2010, lässt sich noch viel wirkungsvoller vor unerwünschten Blicken schützen als das Gelände, das man 2014 in St. Martin genutzt hatte. Das lag an einem Hang, die Fotografen mussten sich lediglich zu einem etwas höher gelegenen Berggasthof bemühen – von dort hatten sie wunderbaren Blick auf alles. Auch auf die internen Tests gegen die U 20-Nationalmannschaft. Die kommt für ein paar Tage mit nach Südtirol, ihre Aufgabe wird es sein, die Vorrundengegner bei der WM in Russland – Mexiko, Schweden, Südkorea – zu doubeln. Der DFB hat spaßeshalber (?) schon angekündigt, dass in Eppan die Zäune höher sein werden.

Jogi Löw setzt voll auf die Wirkung eines ausgedehnten Trainingslagers. Bei normalen Nationalmannschafts-Maßnahmen kommt er kaum zum Üben, die zweite Einheit ist immer schon das Abschlusstraining. Für die Automatismen braucht es aber Zeit: Die Abstände der Spieler und Mannschaftsteile zueinander, die Standards (überraschenderweise ein Trumpf bei der WM in Brasilien), das Umschalten zwischen zwei oder mehreren Systemen, um den Gegner taktisch zu beschäftigen – das werden die Inhalte sein. Der Bundestrainer will sie in Ruhe einstudieren.

Ruhe, wie er sie 2014 nicht hatte. Es war ein turbulentes Trainingslager. Da wurde die Hotellobby-Pinkelei des Dortmunder Nationalspielers Kevin Großkreutz nach dem Pokalfinale in Berlin publik; ebenso, dass Löw seinen Führerschein hatte abgeben müssen (er war wiederholt zu schnell gefahren). Und es gab eine noch dramatischere Auto-Geschichte. Bei einer PR-Aktion mit den Rennfahrern Nico Rosberg und Pascal Wehrlein sowie den Fußballern Benedikt Höwedes und Julian Draxler kam ein Passant schwer zu Schaden. Er lag im Koma, es gab eine Krisensitzung mit Mercedes, dem Initiator der Raserei über schmale Bergstraßen, mit der Bozener Polizei, die für die Absperrung zuständig gewesen war. Benedikt Höwedes hatte dem Opfer Erste Hilfe geleistet; die Bilder, die sich ihm boten, hätte er sich lieber erspart.

Für Außenstehende stand das Trainingslager vor dem Abbruch, Löw und die Spieler sagten später: So hätten sie es nicht empfunden. Es entstand die Wir-zeigen’s-allen-Mentalität. Sechs Wochen später war Deutschland Weltmeister.

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