Gedankenspiele ums große Geld

von Redaktion

Die Beziehung zwischen Bayern und Boateng hat in den letzten Jahren gelitten – Ausgang offen

von hanna raif

München – Statements abseits des großen Geschehens gab es von Jerome Boateng gestern nicht. Der 29-Jährige hatte sich vor dem Termin in der FC Bayern Erlebniswelt schon überlegt, ob er sich äußern wolle oder nicht, die Entscheidung letztlich aber schnell getroffen. Ein paar warme, gut durchdachte Worte auf der Bühne, darüber hinaus aber: nichts. Es wurde in den vergangenen Tagen genug Öl ins Feuer gegossen.

Natürlich war es etwas heikel, dass ihm vor versammelter Fan- und Medienschar eine Frage zu den Zielen des FC Bayern in der kommenden Saison gestellt wurde. „Alle Titel angreifen“, nichts anderes könne der Anspruch sein „mit diesem Kader, mit dieser Qualität“, und vor allem nach einer Saison, in der es zum zweiten Mal hintereinander nur einen Titel zu feiern gab. Boateng brachte die Worte glaubwürdig rüber, sie stimmen ja auch, eine Entscheidung über seine Zukunft ist noch nicht getroffen. Dezente und weniger dezente Hinweise darauf, dass er sie nicht zwingend beim FC Bayern sieht, hat er aber bereits bestens platziert.

Bei den Vereinsbossen waren schon die Äußerungen vor einigen Wochen nicht gut angekommen, in denen der derzeit verletzte Weltmeister erstmals öffentlich Wechselgedanken formulierte. Die Worte, die Boateng nun am Rande des Pokalfinales sprach („Das Ausland ist immer interessant“, „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man nachdenkt“, „Es wäre keine Entscheidung gegen den FC Bayern“), waren noch einmal deutlich konkreter. Als Uli Hoeneß auf dem Rathausbalkon am Sonntag sagte, dass man den Transfermarkt nur intensiver beobachten müssen, „wenn uns einer verlässt und wir das große Geld einnehmen“, blickte er mit Sicherheit nicht nur auf Robert Lewandowski. Auch die Personalie Boateng beschäftigt die Vorstandsetage an der Säbener Straße dieser Tage, Wochen und womöglich WM-Monate.

Ein so deutlicher Riegel wie Lewandowski wurde Boateng bewusst nicht vorgeschoben. Zwar hat der Verteidiger das Zeug zur Identifikationsfigur, die Beziehung zu dem Club, dem er seit 2011 angehört, hat in den vergangenen Jahren aber beidseitig gelitten. Als Boateng nach dem WM-Titel als Gentlemen und Muster für gelungene Integration auf diversen roten Teppichen der Republik gefeiert wurde, ermahnte ihn Karl-Heinz Rummenigge, nicht abzuheben, sondern mal wieder „back to earth“ zu kommen. Ein Gespräch im vergangenen Sommer, in dem dem lange verletzten Boateng keine uneingeschränkte Rückendeckung zugesichert wurde, ließ den Profi selbst dann umdenken. Zwar hat er einen Vertrag bis 2021, unterschrieben jedoch wurde dieser in einer anderen Zeit. Zweieinhalb Jahre ist die Signatur nun her.

Die abgelaufene Saison hat gezeigt, dass Niklas Süle noch kein neuer Boateng ist, durchaus aber zu einem werden kann. Und es passte gut, dass ausgerechnet gestern der „kicker“ vermeldete, dass die Bayern ihre Fühler nach dem Hoffenheimer Kevin Vogt ausgestreckt haben sollen. Angeblich soll der 26-Jährige Coach Niko Kovac imponieren, weil er sowohl in Dreier- als auch Viererkette integriert werden kann. Der Fall der Fälle ist also nicht ausgeschlossen – auch wenn jetzt erst mal die WM ansteht. „Zuversichtlich“ ist Boateng, dabei zu sein. Hochoffiziell geäußerte Worte.

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