Fast genau ein Jahr ist es her, da ging Torsten Lieberknecht auf die Palme. Wenn man sich die Situation von damals noch einmal vergegenwärtigt, muss man sich vor Augen führen, dass der deutsche Fußball vor 365 Tagen noch ohne das technische Hilfsmittel Videobeweis auskam. Als im Relegationsspiel zwischen Eintracht Braunschweig und dem VfL Wolfsburg daher ein eigentlich gerechtfertigter Handelfmeter für den Zweitligisten nicht gegeben wurde, fielen Sätze wie „die ganze Saison ist am A . . . .“ und „ich hasse Relegation“. Der Ruf nach dem Videoschiedsrichter wurde an diesem Abend noch lauter als zuvor.
Wie schnelllebig diese Branche ist, hat das Pfingstwochenende gezeigt. Die leidige Technik war sowohl im Pokalfinale als auch im Relegations-Rückspiel zwischen Wolfsburg und Kiel ein Thema – und man muss leider davon ausgehen, dass sie es bleiben wird. Dauer-Diskussionsstoff, bei dem es in der derzeit mangelhaften Umsetzung mehr Gegner als Befürworter gibt. Aktuell wird der Videobeweis genauso kritisch gesehen wie die Relegation, deren Sinnlosigkeit heuer mal wieder besonders deutlich wurde.
Braunschweigs Nachfolger, der nächste Gescheiterte also, ist Kiel. Ein Verein, der kurz vor einem Wunder stand, dem Durchmarsch in die Bundesliga, – und nun um seine Existenz zittert. Der Ausverkauf ging in dem Moment los, in dem die Niederlage besiegelt war. Trainer Markus Anfang zieht es nach Köln, zahlreiche Spieler, die in der abgelaufenen Spielzeit ihre Beinahe-Erstliga-Tauglichkeit untermauert haben, stehen auf den Einkaufszetteln größerer Klubs. Es geht etwas zu Ende, bevor es richtiganfangen durfte. So unromantisch ist der Fußball.
Der letzte Zweitligist, der sich in den Alles-oder-Nichts-Spielen für eine starke Saison belohnen konnte, war Fortuna Düsseldorf im Jahr 2012. Seitdem hat sich sechs Mal der eigentlich gescheiterte Erstligist durchgesetzt, davon zwei Mal der HSV, zuletzt zwei Mal der VfL Wolfsburg (dessen Etat mehr als zehn Mal so hoch ist wie jener von Kiel). Vereine also, die Geld haben, misswirtschaften – und somit alles andere als erstligatauglich sind.
Warnende Beispiele, wie es mit dem in letzter Minute gescheiterten Club weitergeht, gibt es genug. Lautern verlor 2013 gegen Hoffenheim und stieg danach ab. Fürth unterlag ein Jahr später dem HSV und rettete sich in der Folge nur knapp vor der Dritten Liga. Karlsruhe stieg zwei Spielzeiten nach der Relegation ab. Und was mit Braunschweig und Lieberknecht in dieser Saison passiert ist, reicht ohnehin als letzter Beweis. Kiel kann einem leidtun – als nächstes Opfer des Kapitalismus im deutschen Fußball.