München – Jetzt, da Stelian Moculescu wieder in sein Haus am Bodensee gezogen ist, vermisst er die große Stadt schon ein wenig. In Berlin hat der Volleyballtrainer in diesem Frühjahr ein großes Abenteuer erlebt, vielleicht sein letztes. Obwohl er erst im Februar eingesprungen ist, hat er die BR Volleys zur Meisterschaft geführt – und danach seine Karriere für beendet erklärt. „Zu 99,9 Prozent.“
Wenn Moculescu, 68, von den vergangenen Monaten berichtet, dann lacht er immer wieder. Vor zwei Jahren war das anders. Er hatte damals mit dem VfB Friedrichshafen das Finale gegen Berlin verloren. Moculescu, der Gewinner, war im Moment der großen Niederlage zurückgetreten. Nun hat er das Ende seiner Geschichte korrigiert. Er hat wieder gewonnen, wie er es mit dem TSV 1860, Milbertshofen, Dachau und vor allem Friedrichshafen fast immer getan hat. Im Interview erzählt er, wie er Friedrichshafen ausgetrickst, die vegetarische Küche entdeckt und sich neu verliebt hat.
-Herr Moculescu, als Sie im Februar als Trainer in Berlin anfingen, sagten Sie: „Ich kann nicht zaubern.“ Jetzt sind Sie Meister. Können Sie es doch?
Nein, zaubern kann ich nicht. Ich kann aber gut sehen, was für Spieler ich habe, wie ich das Maximale aus ihnen heraushole. Vor allem kann ich das schnell tun. In Berlin hatte ich nur drei Monate.
-Was haben Sie verändert?
Als ich gekommen bin, waren wir Dritter in der Bundesliga. Das war nicht Berlin like. Die Mannschaft war verunsichert, einige Spieler schon als Fehleinkäufe abgestempelt. Mein erstes Spiel war gegen Zenith Kazan, die haben die Champions League gewonnen. Da habe ich gesehen, was fehlt. Ich habe mir dann einen Plan überlegt. Mein Sohn hat mir geholfen, er hat die Motivation übernommen.
-Der Plan ging auf. Im Finale besiegten Sie Friedrichshafen, Ihren Ex-Klub, der in der Hauptrunde nicht ein Spiel verloren hat.
Dass Friedrichshafen kein Spiel verloren hat, hat mich nicht beeindruckt. Ganz im Gegenteil. Das spornt mich an. Ich wollte der Unbesiegbarkeit ein Ende setzen.
-Wie haben Sie die Unbesiegbaren besiegt?
Wir haben im Viertelfinale der Champions League gegen Friedrichshafen gespielt. In Berlin haben wir 2:3 verloren, in Friedrichshafen 1:3. Danach war mir klar, dass wir Friedrichshafen in der Meisterschaft schlagen können. Ihr Spiel konnte mich mit nichts überraschen. Ich wusste, was wir tun müssen.
-Was denn?
Friedrichshafen ist eine Mannschaft, die Fehler vermeiden will. Mein Gedanke war dann: Ich muss sie zwingen, Fehler zu machen. Dann werden sie nervös. Ich habe meine Mittelblocker auf ihre Spielweise eingestellt. Und wir haben sie mit guten Aufschlägen vom Netz fernzuhalten. Mehr Einzelheiten will ich nicht verraten. Berlin will Friedrichshafen ja wieder schlagen.
-Vor zwei Jahren haben Sie das Finale verloren. Damals mit Friedrichshafen in Berlin. Sie hörten als Trainer auf. Warum sind Sie nochmal zurückkehrt?
Ich habe mir einfach einen anderen Abschied vorgestellt. Ich wollte als Meister aufhören. In Friedrichshafen war das nicht möglich, ich war kaputt. Ich habe den Verein 19 Jahre lang oben gehalten. Ich musste aber Aufgaben machen, die weit über die eines Trainers hinausgehen. Als ich in Friedrichshafen aufgehört habe, habe ich mit Österreichs Beachovolleyballern gearbeitet. Das war eine schöne Abwechslung. Ich habe mich erholt und auf eine interessante Aufgabe gewartet. Und die kam dann.
-Sie zogen nach Berlin, eine hippe Stadt. Sind Sie jetzt Veganer?
Ich war mit meiner Frau viel in Berlin unterwegs. Wir waren spazieren, essen. Ich mag noch immer Fleisch, aber wir haben gute Lokale gefunden, die vegetarisch kochen. Wenn man das kann, braucht man kein Fleisch. Das war meine wichtigste Erkenntnis außerhalb des Volleyballs. Berlin bietet eben sehr viel, ich habe diese Stadt lieben gelernt.
-Auch in Ihre Frau haben Sie sich neu verliebt, sagten Sie.
Das stimmt. Wir sind im März direkt von Gran Canaria nach Berlin geflogen, ziemlich unverhofft. Wir sind dann in eine kleine Wohnung gezogen. Man hat wieder gelernt, dass im Leben viel unwichtig ist, dass man zum glücklichen Leben nicht übermäßig viel braucht. Das haben wir neu entdeckt. Es war eine wunderschöne Zeit.
-Nach dem Finale sagten Sie, dass Sie zu 99,9 Prozent aufhören. Was ist mit den 0,1 Prozent?
Ich muss sagen: Ich habe Blut geleckt. Als Trainer war ich wieder in Topform, wie vor zehn Jahren in Friedrichshafen. Ein Trainer-Job für drei Monate? Jederzeit. Für acht, neun Monate aber eher nicht. Um ehrlich zu sein: Meine Frau möchte das nicht. Sie hat 40 Jahre auf mich Rücksicht genommen, jetzt möchte ich auf Sie Rücksicht nehmen.
-Brauchen Sie Volleyball, um glücklich zu sein?
Nein, das brauche ich nicht. Volleyball war mein Leben, ich liebe diesen Sport. In Deutschland habe ich ihn geprägt wie kein anderer. In Berlin war ich so zufrieden wie lange nicht mehr. Sie haben mich mit Wärme empfangen, mit Respekt. Und ich habe das, wofür ich geholt wurde, geschafft. Meisterschaft gewonnen, Mission erfüllt.
Interview: Christopher Meltzer