Eppan – Zwei Wochen lang werden das die Bilder sein, die der deutsche Fußball liefert: Südliche Sonne (angesagt das eine oder andere Gewitter), eine grüne Berglandschaft, gepflegte Plätze mit Hütchen drauf, Spieler in weißen Shirts, Joachim Löw, der einen Ball jongliert. Es ist Trainingslager, am Mittwochnachmittag ist der deutsche Kader in Eppan in Südtirol angekommen. Die Vorbereitung für die WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli) hat begonnen. Was der Bundestrainer nun alles klären muss.
Die Manuel-Neuer-Frage: Sieben Spielern, unter ihnen fünf vom FC Bayern, hat Joachim Löw einen kleinen Sonderurlaub genehmigt, sie müssen erst am Freitag in Eppan erscheinen. Für Manuel Neuer gilt diese Regelung nicht. Wozu auch? Der Torhüter benötigt jeden Trainingstag, um in WM-Form zu kommen, und Löw benötigt jede Trainingseinheit, um beurteilen zu können, ob diese beispiellose Aktion, einen Torsteher nach einen Dreivierteljahr Verletzungspause zu nominieren, Sinn ergibt.
Löw wird also oft hinüberschauen zu Andy Köpkes Trainingsgruppe. Und er wird etwa jeden zweiten Tag ein internes Testspiel gegen die als Sparringspartner mitgereiste U20-Nationalmannschaft ansetzen, um speziell Neuer zu testen.
Es geht aber nicht nur darum, den Münchner in Turnierform zu bekommen, sondern auch abzuschätzen, ob es angebracht ist, ihm Nummer-eins-Status zu verleihen. Schließlich hat Marc-Andre ter Stegen mit dem FC Barcelona die Saison auf hohem Niveau durchgespielt und sich zumindest in der Neuer-Erbfolge positioniert.
Manuel Neuer müsste womöglich die Entscheidung treffen: Mit nach Russland fahren und zu wissen, dass er nicht spielt?
Die Innenverteidiger-Frage: Unter den 27 Spielern des vorläufigen Kaders sind sechs Innenverteidiger. Geht man von doppelter Besetzung aller Positionen aus, werden aber nur vier benötigt. Als erster Streichkandidat gilt der Leverkusener Jonathan Tah, bei dem Löw aber „eine enorme Entwicklung“ sieht – „und er hatte kaum Verletzungen“. Matthias Ginter (Mönchengladbach), der in der Hierarchie wohl hinter der Bayern-Fraktion (Hummels, Boateng, Süle) und Antonio Rüdiger vom FC Chelsea steht, hat zumindest auch schon mal akzeptabel Außenverteidiger gespielt. Denkbar, dass es zwischen ihm und Marvin Plattenhardt um den Backup-Platz auf Außen geht.
Die Özil-Gündogan-Frage: Der DFB hat alles getan, um das Thema des Erdogan-Treffens der Nationalspieler mit einem Steinmeier-Treffen zu entschärfen. Es wird trotzdem sich noch darüber aufgeregt. Der DFB setzt auf den Faktor Zeit. In den zwei Wochen werden sich Kontakte mit Fans in Grenzen halten – und erfahrungsgemäß kommen Touristen nicht aufs Trainingsgelände (wenn sie es überhaupt mal dürfen), um sich kritisch zu äußern. Meistens ist Bewunderung der Stars angesagt. Interessant wird es sein, wie beim Testspiel gegen Saudi-Arabien am Tag nach dem Trainingslager (8. Juni) in Leverkusen das Publikum auf Gündogan und Özil reagieren wird.
Die Marco-Reus-Frage: Dass der Dortmunder (damals noch als Gladbacher) ein großes Turnier schon bestritten und dabei geglänzt hat, wird oft übersehen: Bei der EM 2012 war Reus dabei und spielte sich in die Mannschaft. 2014 war er für die WM nominiert und verletzte sich am Abend vor dem Abflug beim Test gegen Armenien. 2016 war er im Trainingslager (in Ascona/Schweiz), Joachim Löw bemerkte einen bedauernswerten gesundheitlichen Zustand und strich Reus aus dem Kader. Diesmal präsentiert sich Reus in Bestzustand – Löw kann nur hoffen, dass es im Trainingslager mit zweimal täglich Belastung und vielen Wettkampfsituationen nicht zu einem neuen Unglück kommt. Der Bundestrainer will im Fall Reus „dosieren, ihn auch mal individuell trainieren lassen“.
Die Sebastian-Rudy-Frage: Im zentralen Mittelfeld ist der Kader gut besetzt. Und sowohl Toni Kroos als auch Sami Khedira, Ilkay Gündogan und Leon Goretzka haben eine bessere Saison hinter sich als Sebastian Rudy, der bei den Bayern keineswegs durchfiel, in den großen Spielen an den großen Namen aber nicht vorbeikam. Beim Confed Cup 2017 war er die Seele des deutschen Spiels – nun geht es ausschließlich um einen Platz im Kader. 2016 vor der EM hat Löw Rudy gestrichen, und es schien, als sei er der Spieler ohne Lobby. Nun ist Rudy kein Hoffenheimer mehr, sondern Münchner. Gut, aber das Argument hat Sandro Wagner auch nicht geholfen.
Die Leroy-Sane-Frage: Man hört ja nur Gutes aus der Premier League über Leroy Sane: genialer Wirbler, bester junger Spieler der Liga, Pep Guardiolas Musterschüler bei Manchester City. Man sieht aber nichts Gutes von Sane, wenn er bei der Nationalmannschaft ist. Seit zwei Jahren wirkt der Ex-Schalker wie ein Versprechen, das nicht eingelöst wurde. Verwendung kann Sane auch allenfalls als Spezialkraft für bestimmte Spielsituationen finden. Julian Brandt ist jedenfalls kein schlechterer Eins-gegen-eins-Spieler.
Die Nils-Petersen-Frage: Der Freiburger Überraschungs-Nominierte hat ganz gute Chancen, mit zur WM zu fahren. Genau genommen ist er nicht anstelle Sandro Wagners im Kader, sondern als Ersatz für den verletzten Lars Stindl. Löw spricht nur lobend über den späten Neuling: „Er ist einer, der mit den Aufgaben wächst.“ Und: „Als Trainer macht man sich auch Gedanken über den Zeitpunkt, wann man jemanden beruft. Es ist vielleicht gut, jemanden zu haben, über den die anderen Mannschaften nicht alles wissen.“
Die Freizeit-Frage: Motorsport-Aktivitäten – zumal in Südtirol – sind seit dem Unfall vor vier Jahren im nahen Passeiertal (mit einem schwer verletzten Passanten und zwei geschockten Nationalspielern) out. Traditionell werden jedoch die Räder rausgeholt; vor zwei Jahren am Lago Maggiore waren die Spieler immer auf den Bikes unterwegs zum Trainingszentrum. Vor acht Jahren in Eppan ging es mit den Mountainbikes in den Wald, einer kehrte verschrammt zurück. Fast vergessen: Thomas Müller hätte sich fast um seine erste WM und den Start in die Weltkarriere gebracht. Aber zur Einstimmung auf seine dritte WM kommt er eh erst am Freitag. Und er golft jetzt auch lieber.