Die Trainingslager-Industrie

von Redaktion

Von Günter Klein

Am Mittwoch kam die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Südtirol an. Noch ehe sie ein erstes Mal die Anlage in Eppan betreten hatte, war es ein Thema in der Tagesschau: Es ist Trainingslager. Das ZDF hatte bereits im Morgenmagazin mit den Live-Schalten begonnen: Hier ist die Sportzone Rungg, hier wird sich zwei Wochen lang auf die WM in Russland vorbereitet.

27 Fußballer werden konzentriert arbeiten. Die Nation hofft auf die Wirkung dieses Trainingslagers. Möge der Bundestrainer die richtigen 23 Spieler finden, Manuel Neuer fit werden, möge die Mannschaft hinter hohen Zäunen sich die Freistoß-Überraschung ausdenken, mit der sie am 15. Juli in Moskau Weltmeister wird.

Gut fürs Geschäft, all diese Bilder und die mit ihnen verbundenen Gedanken, oder? Das ist die Frage an Marcus Häusler, dessen Beruf es ist, Trainingslager zu organisieren. Nicht dieses der Nationalmannschaft, seine Kundschaft hat der Rosenheimer von der 2. Liga abwärts, vor allem im Amateur- und Jugendbereich. „Der FC Schneizlreuth wird nicht in ein Trainingslager gehen, weil er das beim DFB gesehen hat“, erklärt er. „Aber über die Jahre ist der Anteil der Teams konstant gestiegen.“ Er hat mit seiner Firma Soccatours 2003 angefangen, heute ist er der Marktführer in Deutschland und sogar ganz Europa, hat Niederlassungen in Italien, Tschechien, Kroatien und demnächst der Schweiz; 21 Angestellte sind damit beschäftigt, Trainingslager zu organisieren. Und diese Zahl erschlägt einen fast: 1123 Mannschaften hat Marcus Häußler im Jahr 2017 verschickt – in 22 Länder. Es muss also einen sehr großen Bedarf geben jenseits von Nationalmannschaft und Bundesliga. So ist es: „Auch F-Junioren fahren ins Trainingslager – oder eine Freiwillige Feuerwehr“, sagt Marcus Häusler.

Was die Kunden wollen: Dass es auch bei ihnen so ist wie bei den Profis. Schöner Platz zum Trainieren. Fitnessgeräte. Zeit zur Erholung. Testspiel. Teambildende Maßnahmen. Klar, dass ein eigener Verein das alleine nicht stemmen kann. Deshalb wendet er sich an eine Agentur – wie die von Marcus Häusler.

Der kennt die Szene, die sich für diesen Bedarf entwickelt hat. „Es gibt klassische Trainingslager-Hochburgen wie La Manga und Marbella in Spanien.“ Sie werden bekannt durch die großen Teams, die dort gastieren. Im „Marpafut“ über Marbellas Küste war der FC Bayern schon dreimal im Winter – und immer in Gesellschaft anderer Clubs. Und reiste ein Verein aus der Bundesliga ab, kam dafür einer aus der Premier League an.

Im Winter fahren mehr als im Sommer

Auch Amateure können dort trainieren – es hat halt seinen Preis. „Zehn Tage im Fünf-Sterne-Hotel kosten dann pro Mann zwischen 2000 und 3000 Euro“, sagt Häusler. Gleiches gibt es aber „für 500 Euro in der Türkei. Inklusive Flug.“ In Belek waren zu Glanzzeiten des Orts mit den hohen Hotelkapazitäten bis zu hundert Teams aus aller Welt gleichzeitig da – ein jedes auf der Suche nach dem Wettbewerbsvorteil für die nächste Runde.

Die meisten Mannschaften wählen für ihr Trainingslager ein Ziel aus, das sie mit den Autos erreichen können. Und: Im Winter fahren weitaus mehr in ein Camp als im Sommer. Was sich wohl dadurch erklärt, dass bei den Amateuren die Winterpause lang ist und sich ein Aufbautraining anbietet. Bei Bundesligisten geht in zehn bis vierzehn Tagen Weihnachtspause nicht viel verloren, bei ihnen soll ein Trainingslager einfach Abwechslung bieten oder eine Sicherheit sein, dass man es in Deutschland in den ersten Januar-Tagen nicht mit gefrorenen Böden zu tun bekommt. Außerdem bezahlen viele der Topclubs für ihre Trainingslager gar nichts mehr. Sie haben Werbeverträge mit den Destinationen abgeschlossen und lassen sich ihre Auftritte bezahlen – wie der FC Bayern seine Beziehungen zum Wüstenemirat Katar. Auch für den Sommer hatte man eine vertragliche Bindung: ans Trentin.

Vielleicht ist es auch der FC-Bayern-Effekt, dass der Gardasee und Umgebung die Sportteams anziehen. Marcus Häusler hat zehn Fußballplätze dort unter Vertrag.

Er vermittelt noch mehr als Platz und Hotel: Viele der Kunden wollen in Gruppen arbeiten und benötigen Trainingshilfe – können sie haben, da kommt der Co-Trainer auf Zeit. „80 Prozent wollen auch ein Testspiel machen“, sagt Häusler. Er ist FIFA Match Agent und darf Teams zusammenbringen. Das kann eines sein, das auch gerade in der Nähe trainiert oder ein örtliches. Gefragt sind auch Exkursionen mit Erlebniswert: die Rafting-Tour, das Canyoning, der Klassiker Klettergarten. Danach ist aus einzelnen Spielern im Idealfall eine Gemeinschaft geworden.

Inwieweit sich Arbeit und Geselligkeit die Waage halten, das ist jeder Mannschaft überlassen. Nicht alle verstehen unter Trainingslager bedingungslose Verkniffenheit. Die wird auch nicht von allen Profimannschaften vorgelebt. Selbst das Nationalteam hat seine Eskapaden geliefert. Das WM-Trainingslager 1982 am Schluchsee im Schwarzwald war geprägt von nächtlichen Zockerrunden in alkoholseliger Atmosphäre. Man sprach rückblickend vom „Schlucksee“.

Gefürchtet ist die letzte Nacht

Auch englischen Teams wird nachgesagt, ein Trainingslager eher als Ausflug zu interpretieren. Der deutsche Torhüter Lars Leese, durch glückliche Fügungen zu einer kurzen Karriere in der Premier League (FC Barnsley) gekommen, wunderte sich, als zu einer Kurztrainingslagerreise in der laufenden Saison keiner eine Sporttasche dabei hatte. Es ging nur ums Vergnügen. Das war in den 90er-Jahren. „Mittlerweile tun die englischen Mannschaften im Trainingslager schon was“, versichert Marcus Häusler. Er weiß das, weil Clubs aus der Premier League gerne an den Tegernsee kommen. Und sich dort wohl zu benehmen wissen.

Jedes Trainingslager geht mal zu Ende, der letzte Abend wird bisweilen zur Freinacht. Wer sich eine Woche auf Sport konzentriert hat, will sich wenigstens einmal fallen lassen. Die Vereine dulden das wegen des Erinnerungswerts, den die Spieler daraus beziehen – Marcus Häusler hofft, dass alles heil bleibt und er sich den Hotels gegenüber nicht rechtfertigen muss, was für Rabauken er ihnen geschickt hat.

Der Fußball sorgt in der Trainingslager-Industrie für die Haupteinnahmen. Doch ebenso wird in anderen Sportarten der Rückzug an einen Ort abseits des üblichen Arbeitsplatzes hochgeschätzt. Wer im Sommer durch St. Moritz spaziert, trifft dort auf afrikanische Langstreckenläufer-Gruppen oder deutsche Ruderer, die an die segensreichen Effekte des Trainierens auf 1800 Meter Höhe glauben. Schwimmer halten sich häufig im spanischen Gebirge Sierra Nevada auf: wer Ausdauer trainiert, für den ist im deutschen Winter Südafrika geeignet. Going in Tirol war über Jahrzehnte für Sechs-Wochen-Phasen die Heimstatt der Klitschko-Brüder, zwei seiner Indoor-Tennisplätze opferte das Hotel „Stanglwirt“ für den Bau einer Gym-Landschaft mit Boxring, Zirkelstationen und Sandsäcken. Die Klitschkos wählten die Location, weil sie abseits des Hoteltrakts eine eigene Hütte beziehen konnten und Wert auf frisches Quellwasser legten, das es dort gab.

Einen scharfen Wettbewerb der Anbieter gibt es auch bei Triathlon-Camps. Drei Sportarten trainieren zu müssen, ist komplex. Wer im Juni, Juli für eine Langdistanz bereit sein will, muss schon im Februar, März knüppeln. Und bucht eine Intensivwoche mit Training, Training, nichts als Training. Bei Marcus Häuslers Agentur melden sich zunehmend Leichtathleten, Turner und Schwimmer, die mannschaftsweise ins Trainingslager wollen. Gerade die Deutschen fürchten keinen Trainingslagerkoller, sie sind Trainingslagerwoller.

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