Eppan – Sechs Jahre ist es nun her, dass Julian Draxler der Überraschungsneuling in einem vorläufigen Turnierkader war. Vor der EM 2012 holte Joachim Löw den damaligen Schalker – Beruf: Schüler – in die beiden Vorbereitungstrainingslager auf Sardinien und in Südfrankreich. Draxler, 18, kam mit seinen Büchern, weil er Richtung Abitur unterwegs war, Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff stand zum Abfragen bereit. Zur EM in Polen und der Ukraine hat der Bundestrainer den Jungspund Draxler dann doch nicht mitgenommen, jedoch stehen die WM 2014 und die EM 2016 in der Vita.
Draxlers Status jetzt: Er ist eine Art Fast-Stammspieler. Links offensiv hat er oft gespielt in den Partien, in denen keine Experimental-, sondern eine Elf mit den größten Siegesaussichten antrat. Allerdings ist sein größter Positionsrivale nun mit dabei: Marco Reus, der Dortmunder. Er ist nicht verletzt und fit – nicht die Regel bei ihm.
Draxlers Karriere steht für die etwas längere Anlaufzeit, die man in der Nationalmannschaft benötigt. Das Angebot durch alle Altersschichten ist (noch) so groß, dass selten einer, der noch keine zwanzig ist, zum sofortigen Heilsbringer wird. Als solcher galt Draxler auf Schalke mal. Debüt mit 17, Champions League. Felix Magath, Trainer zu jener Zeit, riet ihm, die Schule abzubrechen; er werde mit Fußball genügend verdienen.
Der Vernunftsmensch Draxler hat sich (nach Rücksprache mit den Eltern) über den Magath-Ratschlag hinweggesetzt und sein Abitur gemacht. Trotzdem ist er schnell in den finanziellen Hochadel vorgedrungen. Er spielte für Wolfsburg und seit eineinhalb Jahren gehört er zu Paris St. Germain. Zunächst brachte ihn das in der Nationalmannschaft voran. Löw ernannte Draxler zur Führungsfigur im Confederations-Cup-Team, Draxler wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt. Doch in Paris setzte man ihm neue und noch größere Stars vor die Nase: Neymar, Mbappé. Draxler spielt nun für einen Club, der vielen unsympathisch ist, über dessen Scheitern in der Champions League sie sich gefreut haben. Und er spielte vielleicht nicht oft genug, um bei Löw ultimative Ansprüche auf einen Stammplatz zu erheben.
„Klar, ich habe mich geärgert, dass ich gegen Real Madrid nicht spielen durfte“, räumt Draxler, heute 24, ein. „Doch ich habe genügend Spiele gemacht.“ Über vier Wettbewerbe verteilt, waren es 47 – er hat mitgezählt oder noch schnell auf transfermarkt.de nachgeschaut. Und er findet: „Ich bin ein besserer Spieler als vor vier Jahren.“ Bei der WM in Brasilien lief er nur ein Viertelstündchen auf. „Da hatte ich auch eine schwere Zeit auf Schalke.“
Nun wird es spannend für ihn in Paris. Sein neuer Trainer: Thomas Tuchel. Der Landsmann. Vor- oder Nachteil? „Ich kenne ihn persönlich nicht“, sagt Draxler, „aber ich habe mich erkundigt bei den Spielern, die schon mit ihm gearbeitet haben.“ Was die sagen: „Fachlich überragend. Und was das Menschliche betrifft: Wie das halt so ist – die einen mögen ihn mehr, die anderen weniger.“ Er glaubt, „dass Paris einen Supertrainer verpflichtet hat“.
Nun muss er zeigen, dass er ein Superspieler ist. Bei der EM vor zwei Jahren hat er bereits Mario Götze verdrängt, mit der WM-Nominierung kann man sagen, dass sich diese Hierarchie verfestigt hat. Es ist ein nicht rasanter, aber steter Aufwärtstrend für ihn beim DFB, die Auslandserfahrung („Man kann nur dazulernen“) stellt ihn etwa auch über Marco Reus, der immer in der Bundesliga geblieben ist. Draxler sagt: „Ich glaube, dass ich der Nationalmannschaft viel geben kann.“