Karius und Baktus

von Redaktion

Liverpools Schmerzen dauern nach der Finalniederlage gegen Real an – und beuteln selbst die Menschen in Ägypten

VON ANDREAS WERNER

München – Es gibt Tonaufnahmen von der Nacht von Kiew vom Bankett des FC Liverpool, die darauf schließen lassen, dass zumindest Teile des Teams nach der Niederlage im Finale der Champions League gegen Real Madrid zu vorgerückter Stunde ihren Schmerz betäubt haben. Angeblich ist darauf Jürgen Klopp zu hören, wie er mit Campino, dem Sänger der „Toten Hosen“, singt: „Wir haben den Pokal gesehen, leider musste er wieder nach Madrid gehen.“ Nächstes Jahr wolle man ihn zurückholen.

Nun, das mit dem „zurück“ dürfte dem Reim oder dem Betäubungsmittel (vermutlich Alkohol) oder beidem zugeschrieben werden, denn es wäre ein „zurück“ mit reichlich Anlauf; letztmals holten die „Reds“ bekanntlich 2005 den Henkelpott. Aber egal, in besagter Nacht ging es sowieso primär um das Betäuben. Die konkrete Planung, wie man verpasste Ziele zu realisieren gedenkt, beginnt mit etwas mehr Abstand. Und als die Wirkung des Alkohols zum Wochenstart allmählich verpuffte, dürfte die Liverpooler der Schmerz zunächst mal in voller Kraft heimgesucht haben. Er wird sie noch länger plagen, wie früher manchmal bei einem Besuch der fiesen Zahntrolle Karius und Baktus, wenn sie sich mal genüsslich in einem Backenzahn eingenistet haben.

Loris Karius – nomen ist in diesem Fall omen – nimmt in Liverpool eine kuriose Doppelrolle ein: Verursacher der Schmerzen und Hauptleidtragender zugleich. Der deutsche Torwart, der mit seinen zwei Patzern das 1:3 im Alleingang besiegelte, erhielt intern zwar viel Zuspruch, extern aber die übelsten Kritiken. Der britische „Independent“ sah „Torwartfehler für die Ewigkeit“, der „Corriere della Sera“ meinte in Italien, „das, was Karius angestellt hat, war auf diesem Niveau unerhört“. Die Liverpooler Polizei nahm Ermittlungen auf, weil hässliche Drohungen gegen den Torwart und seine Familie eingegangen waren. Mark Lawrenson, frühere „Reds“-Ikone, brachte es in der „BBC“ auf den Punkt: „Es tut mir leid für ihn. Aber ich sehe momentan nicht die Chance, dass er bei Liverpool bleiben kann.“ Klopp klang nicht viel optimistischer, trotz eines Vertrags bis 2021: „Es gibt genug Leute, die doof genug sind, ihm das immer wieder aufs Brot zu schmieren.“ Wahr ist allerdings auch, dass Liverpool schon vor dem Finale an einen neuen Torwart gedacht hat; der Brasilianer Alisson Becker vom AS Rom soll bereits im Anflug sein.

Klopp hingegen muss sich an einem ruhigen Tag auch mal hinterfragen. Er hat sich schließlich im Winter für Karius entschieden, und im Finale gegen Real fiel ihm nach dem frühen Ausfall von Mohamed Salah kein taktisches Mittel ein, um diese Lücke zu schließen. Er hatte schon vorher angemerkt, dass er für seine drei fabelhaften Freigeister in der Offensive keinen adäquaten Ersatz habe, doch so eine Hochrechnung ist schon dreist; es gibt nicht viele Top-Klubs, die sich vorne ein hochkarätiges Quartett halten. Irgendwann ist auch ein Trainer gefragt, um Lösungen zu finden. Klopp verlor in Kiew sein sechstes Finale.

Die Schmerzen beuteln unterdessen nicht nur Klopp und Karius – sie treffen sogar die Menschen in Ägypten. Alles hofft, dass Salah bis zum ersten WM-Spiel am 15. Juni gegen Russland seine Schulterverletzung auskuriert hat. Verbandschef Hani Abu Ridah verfügte bereits, dass der Star auf jeden Fall ins Aufgebot kommen soll. Grundschüler schickten herzerwärmende und mit Zeichnungen gestaltete Briefe an Salah. Vielleicht helfen sie ihm, die Schmerzen zu überwinden. Der Griff zur Flasche ist dem gläubigen Muslim untersagt.

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