Das Duell, das keines (mehr) ist

von Redaktion

Die schwierige Aufgabe der Trainer, Marc-Andre ter Stegen die Nummer eins zu verwehren

Eppan – 7:1 hat die A-Nationalmannschaft das erste von zwei internen Trainingsspielen gegen die U 20 gewonnen. Es ging über 60 Minuten, Marc-Andre ter Stegen spielte die erste Halbzeit, Manuel Neuer die zweite. Ter Stegen bekam den Gegentreffer, einer vom DFB-Personal, der von Berufs wegen zuschauen durfte, meinte: „Da kann er aber nichts machen.“

Wenn man Torwarttrainer Andreas Köpke bewusst augenzwinkernd um eine Einzelkritik seiner beiden Schützlinge bittet, lacht er kurz auf und sagt: „So viel hatten die Jungs nicht zu tun.“ Es war ja eher ein Übungsspiel für Feldspielersituationen: angegriffen zu werden, Freiraum zu bekommen, Taktikrätsel lösen zu müssen. Joachim Löw und sein Assistent Marcus Sorg haben öfter unterbrochen und Erklärungen abgegeben, was gerade falsch gemacht worden war.

Doch natürlich war für den Torhüter Manuel Neuer diese kleine matchähnliche Praxis wichtiger als für alle anderen Beteiligten. Weil sie eben mehr ist als das, was er in den neun Monaten davor erleben durfte. Und weil sie der Auftakt der Woche der Wahrheit sein soll. Heute wird er beim zweiten Test wieder eine halbe Stunde spielen, den Rest teilen sich Bernd Leno und Kevin Trapp, der dritte und vierte oder vierte und dritte Tormann im Kader. Am Samstag in Klagenfurt gegen Österreich wird Neuer, so Köpke mit einem modischen „Stand jetzt“, dann sein erstes richtiges Spiel seit September 2017 machen.

Zwei Tage später, am 4. Juni, muss wegen der FIFA-Meldefrist eine abschließende Meinungsbildung im Fall Neuer erfolgt sein. Köpke: „Mit Fingerspitzengefühl, zusammen mit Manu.“ Damit spricht man dem 32-jährigen Torhüter eine enorme Machtfülle zu. Er kann sich selbst final für die WM nominieren, die für Deutschland am 17. Juni in Moskau gegen Mexiko beginnt. Und wenn er sich für tauglich hält, das Turnier in Angriff zu nehmen, dann auch als die Nummer eins.

Was Köpke sagt, klingt für Neuer alles gut: „Der Fuß ist vollständig ausgeheilt. Das Ergebnis der CT-Aufnahme, die wir gemacht haben, war beruhigend. Sprungkraft, Beweglichkeit – alles da, als wäre er nie weggewesen. Es gibt keine Schonhaltung.“ Es gehe jetzt um die Aktivierung des Spielverständnisses, um Passsicherheit. Am Dienstag gab es eine Trainingseinheit „fünf gegen fünf auf engstem Raum“. Manuel Neuer hat sie bestanden.

Wenn das alles so weitergeht die nächsten Tage, dann ist der Wettbewerb um die WM-Position im deutschen Tor entschieden. Ohne dass das klassische Duell darum stattgefunden hätte.

Es wird dann nicht so gewesen sein wie zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann vor der WM 2006. Die Auflösung der Nummer-eins-Frage, die im Torwartland Deutschland mit Symbolik überfrachtet ist, führte sogar zu einem ARD-Brennpunkt nach der Tagesschau. In der Frage Neuer oder ter Stegen steckt so gut wie keine Emotionalität. Es ist eine knifflige Sachentscheidung, aber kein Glaubenskrieg.

Dabei müsste Marc-Andre ter Stegen, 26, es als dramatisch empfinden, was sich für ihn gerade anbahnt. Mit dem Confederations Cup hatte er sich als die Übergangs-Nummer-eins, als Interims-Champion etabliert. Er hatte aufgezeigt, dass er seinem alten Erzrivalen aus U 21-Zeiten, Bernd Leno, und Kevin Trapp voraus ist. Er bestritt 2017/18 die relevanten Länderspiele und hatte „eine phantastische Saison mit Barcelona“, wie Andreas Köpke einräumt. Joachim Löw versichert, er hätte überhaupt keine Bedenken, mit ter Stegen ins Turnier zu gehen.

Es steht die These von Jerome Boateng im Raum, dass Manuel Neuer derjenige Torhüter sei, mit dem man jeden Gegner bei der WM am nachhaltigsten beeindrucken könne. Eine solch mächtige Ausstrahlung habe auch ter Stegen nicht. Andy Köpke würde das nicht unterschreiben: „Ich glaube, dem Torhüter des FC Barcelona würde man nicht weniger Respekt entgegenbringen. Egal, wie es ausgeht: Wir werden auf dieser Position topbesetzt sein.“

Die Trainer haben mit Marc-Andre ter Stegen die Situation besprochen, haben ihm gesagt: „Sie ist eine besondere. Manuel ist der Kapitän dieser Mannschaft, er ist Weltmeister geworden. Man muss alles versuchen bis zum Schluss, dass er dabei ist.“

Bitter ist eben: Ter Stegens eigene Leistung ist nicht das Hauptkriterium bei der Vergabe des Platzes. Höher bewertet wird die mögliche Leistung, die Neuer erbringt.

Und nicht nur diese Entscheidung steht an. Wenn Neuer dabei ist, fällt Leno oder Trapp aus dem WM-Aufgebot. Köpke: „Diese Entscheidung haben wir einfach verschoben.“

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