Eppan – Als Nils Petersen das Gespräch auf der Terrasse des Teamhotels der deutschen Nationalmannschaft in Eppan beendet hat und zum Essen verschwunden ist, kommt Joachim Löw vorbei und setzt sich zu einem Plausch. Der Bundestrainer verrät, dass er sich im März mal ungezwungen mit dem Mittelstürmer zum Kaffee in Freiburg verabredet hat, um ihn kennenzulernen. Der Eindruck war gut. Die Kadernominierung kam dennoch überraschend für Petersen, der diese Saison an der Hälfte aller Freiburger Tore beteiligt war. Auch beim 7:1 im Test des A-Teams gegen die U-20-Nationalmannschaft traf der 29-Jährige.
-Herr Petersen, Joachim Löw hat Sie bei der Abschlussfahrt mit 20 Kollegen auf Mallorca zunächst dreimal nicht erreicht. Bestimmt, weil sie mit den anderen gerade aus einem Sangria-Eimer mit Strohhalmen getrunken haben wie bei der Abschlussfahrt in der Kreisklasse?
Nee, so war es nicht. Wir sind als Bundesligist unterwegs gewesen und saßen gerade beim Mittagessen zusammen. Aber der Abend vorher war gut.
-Wussten Sie denn, dass er es war, der dreimal vergeblich angerufen hatte?
Ja, ich kannte die Nummer. Ich hab dann zurückgerufen. Er hat mir gesagt, dass ich im vorläufigen Kader stehe.
-Und dann sind Sie auf einen Stuhl geklettert und haben es allen Mannschaftskameraden erzählt?
Sofort erzählt habe ich es nur meinem Zimmerkollegen „Chico“ Höfler. Ich musste ihm ja erklären, warum ich am nächsten Morgen zurückfliegen und mich am Abend zurückhalten werde.
-Es muss schwierig sein, so eine Information heimlich mit sich rumzutragen.
Da haben Sie Recht. Ich war ja schon im Entspannungsmodus. Der Urlaub war auch gebucht. Ich musste also erstmal meine Freundin anrufen und ihr sagen, dass wir die Kreuzfahrt stornieren müssen. Sie hat erst gedacht, ich erzähle Blödsinn.
-Und dann?
War sie positiv schockiert.
-Mal ehrlich: Freiburg ist ja nicht so furchtbar groß. Da haben Sie bestimmt im Vorfeld irgendwie mitbekommen, dass Sie nominiert werden?
Ich habe auf alle Fälle im Nachhinein realisiert, dass der Bundestrainer bei unserem letzten Heimspiel gegen den FC Augsburg im Stadion war. Wahrscheinlich war es schon ein Vorteil, dass er mich hier öfter gesehen hat. Vielleicht haben die Leute auch jeden Tag zu ihm gesagt: „Nimm den Petersen mit!“ Irgendwann konnte er es dann nicht mehr hören und hat es einfach gemacht (lacht). Im Ernst: Ich habe mit gar nichts gerechnet. Sonst wäre ich ja gar nicht nach Mallorca geflogen, sondern hätte den Jungs unter einem Vorwand gesagt: „Sorry, ich bleibe zu Hause.“
-Im Grunde ist es ja grotesk: Ausgerechnet in der Saison, in der Sie ständig zur Startelf gehören und nicht mehr nur regelmäßig als Joker kommen, nominiert Löw Sie, weil Sie ein so guter Joker sind.
Stimmt einerseits. Andererseits weiß ich nicht, ob es für eine Nominierung gereicht hätte, wenn ich auch diese Saison in Freiburg meistens nur eingewechselt worden wäre. Dann hätte ich nicht diese Präsenz auf dem Platz und in den Medien gehabt. Ich hatte als Startelfspieler eine viel größere Plattform, mich zu zeigen. Aber mir ist schon klar, dass ich in der Nationalmannschaft nicht für die erste Elf geplant bin.
-Sie sind jetzt schon reife 29 und dennoch irgendwie ein neuer Spieler geworden. Wie kam es dazu?
Das sagen viele, ich selbst habe das gar nicht so mitgekriegt. Ich habe mir jedenfalls mit 27 nicht gesagt: „So, jetzt wirst du ein neuer Spieler.“ Aber natürlich bin ich professioneller geworden.
-Was heißt das?
Ich weiß, dass ich meine acht, neun Stunden Schlaf brauche. Da habe ich im jugendlichen Alter nicht eine Sekunde dran gedacht. Da habe ich mir zwischen zwei Trainings gefrorene Cordon Bleus in die Pfanne gehauen. Dazu habe ich in Freiburg eine besondere Wertschätzung gespürt. Ich brauche ein Umfeld, in dem ich mich wohlfühle, wo ich weiß, ich kann auch mal zwei schlechte Spiele haben.
-Sie sind schon einmal in so einen elitären Kreis vorgestoßen. Seinerzeit kamen Sie als Zweitliga-Torjäger von Cottbus zum großen FC Bayern. Welche Erinnerungen haben Sie an das Ankommen damals?
Das ist ein ganz guter Vergleich, auch wenn es acht Jahre zurückliegt. Bei mir ist es eher so, dass ich mich immer ein bisschen kleiner mache, als ich wahrscheinlich bin. Seinerzeit dachte ich: Okay, ich bin jetzt hier, bei diesen großen Spielern und mische eben etwas mit. Mehr nicht.
-War das ein Fehler?
Rückblickend war es vielleicht ein Fehler. Aber diese Erfahrung hilft mir heute. Ich weiß, dass ich mich nicht zu klein machen muss. Auch ich habe schließlich etwas vorzuweisen. Natürlich keine Champions League-Spiele, auch keine Titel. Aber ich bin schon lange im Geschäft. Es gibt ja Gründe, warum ich hier dabei bin. Füllkrug, Uth und Wagner sehe ich oft genug und muss sagen: „Respekt, das sind sehr gute Stürmer.“ Zumindest im jetzigen 27er-Kader habe ich diese Drei schon mal verdrängt.
-Wenn Sie noch mal 22 Jahre alt wären und zu den Bayern gingen . . .
. . . dann würde ich anders rangehen an die Geschichte. Ich würde versuchen, aufzutreten wie jetzt, mich aktiver zu integrieren. Mein Vater sagt immer, wenn ich mehr aus mir herausgegangen wäre, hätte ich es weiter gebracht. Aber ich muss authentisch bleiben. Du kannst nicht einfach sagen: Ich mach‘ jetzt hier den Larry und erzähle ein paar Geschichten. Das passt nicht zu mir.
-Sind Sie nervös, wenn Sie unter vielen Stars im Training bestehen müssen?
Doch, bin ich. Das gebe ich zu. Auch wenn ich schon etwas älter bin: Es ist so, als wenn du in eine neue Schulklasse kommst. Natürlich gehe ich hier anders in die Einheiten rein als bei Freiburg.
-Haben Sie das Gefühl, dass Sie mithalten können?
Ich muss ans Limit gehen, um nicht abzufallen und will nicht schuld sein, wenn ein Trainingsspiel verloren geht. Ich bin auch nicht der Spielertyp, der mit irgendwelchen Dribblings oder spektakulären Aktionen auffällt. Meine Hoffnung ist, dass die Trainer das genauso einzuschätzen wissen und ich dennoch die Einheiten positiv gestalte.
-Bei Werder Bremen ist es letztlich nicht so gut für Sie gelaufen. Wieso nicht?
Das erste Jahr lief total gut für mich. Ich hatte Spieler wie de Bruyne, Hunt und Élia hinter mir, die mich gefüttert haben. Im zweiten Jahr wurde es weniger, auch, weil wir defensiver gespielt haben. Als dann Viktor Skrpnik Trainer wurde, kam der Bruch. Er hat auf das Duo di Santo/Selke gesetzt, das auch super harmoniert hat. Ich musste dann irgendwann einen neuen Reiz setzen, weil ich einfach zu wenig Spielzeit bekommen habe. Dadurch haben sich für mich andere Türen geöffnet.
-Beim SC Freiburg haben Sie gerade erst vorzeitig Ihren Vertrag verlängert. Und nun sind Sie auf dem Weg zur WM. Da könnten sich noch ganz andere Türen öffnen.
Ich habe nicht ohne Grund verlängert. Auch wenn ich seinerzeit gewusst hätte, dass ich in den Kader berufen werde, wäre meine Entscheidung so gefallen. Natürlich ist es spannend, den Jungs hier zuzuhören, wenn Sie beim Essen erzählen, wie es in Manchester, Barcelona oder Turin so läuft. Das ist für mich schon eine andere Welt. Trotzdem bin ich dankbar, für das, was ich erleben durfte. Durch Freiburg habe ich es zu Olympia und in den vorläufigen WM-Kader geschafft. Ich werde jetzt sicher nicht irgendwelche Flausen im Kopf kriegen und das aufgeben.
-Sie kannten die Nationalmannschaft bislang nur aus den Medien. Nun sind Sie selbst dabei. Gibt es etwas, das Sie überrascht?
Du kommst zum Flughafen und siehst einen DFB-Mitarbeiter nach dem anderen. Manchen habe ich – glaube ich – zwei Mal Hallo gesagt. Das Team hinter dem Team ist größer als der Kader. Da ich jedem Respekt entgegenbringen will, sitze ich manchmal auf dem Zimmer und google die Namen, um zu wissen, wer wer ist. Ich will allen gerecht werden. Nicht dass ich zum Zeugwart gehe und ihn um psychologische Hilfe bitte. Oder andersherum.
-Und wie erleben Sie Ihre Spielerkollegen? Sie werden nicht alle persönlich gekannt haben.
Nein, den einen oder anderen kannte ich tatsächlich nur aus dem Fernsehen. Wobei ich 80 Prozent der Spieler schon mal begegnet bin. Mit Mesut Özil habe ich die U 19-EM gespielt – danach haben wir uns nie wieder gesehen. Bis jetzt. Es ist dann schon spannend, zu sehen, welchen Weg jeder dieser Spieler gegangen ist.
Interview: Jan Christian Müller