München – Im Künstlerhaus am Münchner Lenbachplatz, im Festsaal mit Stuck und Fresken, geschah vor einigen Wochen etwas Wundersames: Karl-Heinz Rummenigge verwandelte sich.
Er war nicht der oft als kalt empfundene Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG, der ein seltsames Businessdeutsch spricht und zu oft „am Ende des Tages“ sagt. Er war einfach ein sehr freundlicher und nahbarer Herr mit einem flüssigen und schnörkellosen Italienisch, das keinerlei Fremdsprachenangeberei darstellte. Er fühlte sich behaglich wohl. Im Auditorium: lauter gebildete Italiener, eingeladen von der Botschaft und dem Kulturinstitut Monaco di Baviera. Auf dem Podium neben ihm Luca Toni, den er einst zum FC Bayern geholt hatte, und Bruno Longhi, eine Sportreporterlegende in Italien. Als der junge Spieler Karl-Heinz Rummenigge 1984 zu Inter Mailand wechselte, wurde Longhi zu seinem ersten Vertrauten. Der Journalist sagte: „Ich helfe dir, wenn du was brauchst.“ Seitdem pflegen sie ein Vertrauensverhältnis. Trotz der Rivalität, die im Fußball zwischen beiden Ländern immer geherrscht hatte.
Doch es gehörte auch dazu, diese Konkurrenz mit einer Grandezza zu leben, die Rummenigge in diesem Rahmen sofort erfasst. Er hat in Italien immer nur Respekt und Zuneigung erfahren, obwohl er nicht die Leistung abliefern konnte, die er sich vorgestellt hatte. Es waren nicht seine besten Jahre bei Inter, er schoss in drei Spielzeiten gerade mal so viele Tore, wie bei ihm in der Bundesliga es in einer Saison die Norm war. „Ich habe unter dem Catenaccio gelitten. In Deutschland haben wir Druck gemacht, um zu gewinnen, in Italien ging es darum, nicht zu verlieren.“ Es gab aber keine Anfeindungen, wenn er als Stürmer blass blieb. Höflichkeit gegenüber den (eigenen) Spielern gehört in Italien noch immer zur Kultur. Der Spieler, der ausgewechselt wird, geht unter Applaus, wer dafür kommt, wird aufs Freundlichste willkommen geheißen. In deutschen Stadien ist man da weniger verbindlich.
„In den 80er- und 90er-Jahren spielten die Besten der Welt in Italien – so wie es heute alle nach England zieht“, erinnert sich Karl-Heinz Rummenigge. Mehr als die halbe deutsche Nationalmannschaft war bei Clubs der Serie A zu finden. Die Deutschen, auch die eher arbeitsamen als brillanten Spieler wie Hans-Peter Briegel, Jürgen Kohler oder Stefan Reuter, galten als Bereicherung – obwohl Deutschland in den Augen der Italiener ein verlässlicher Verlierer war. Nur einmal nicht: 1990 wurde Deutschland in Italien Weltmeister. „Na ja, sie haben damals ja fast alle in Italien gespielt“, sagt Bruno Longhi.
Bei dem ergrauten Kultreporter beginnt die erinnernswerte italienisch-deutsche Fußballgeschichte „mit der Aztekennacht, dem Jahrhundertspiel“. WM 1970, Halbfinale, 4:3 für Italien nach Verlängerung. „Ich habe geweint, als Schnellinger zum 1:1 ausglich“, hat Pietro Benassi die 90. Minute noch parat. Ausgerechnet Schnellinger – ein geflügeltes Wort jener Zeit. Er spielte in Italien. Signore Benassi ist der aktuelle Botschafter Italiens in Deutschland. Sein schwärmerischer Rückblick geht weiter mit: „In Madrid der Schrei beim Tor von Altobelli.“ WM-Finale 1982, Italien – Deutschland 3:1. Im Jahr 2006 bezwang Italien die Deutschen im Halbfinale von Dortmund in der Verlängerung 2:0, und erst bei der EM 2016 wendete sich im Viertelfinale die Geschichte, das Elfmeterschießen in Bordeaux ging an Deutschland. „Ich habe noch die Bild-Schlagzeile vor Augen: ,Endlich!’“, erzählt Benassi. Mit einem bedeutsamen „Endlich“ begrüßte ihn der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier, und Belassi entgegnete; „Ihr habt 16 Elfmeter gebraucht, um mal zu gewinnen.“
2006 kann festgehalten werden als ein prägendes Jahr für die Entwicklung beider Fußballländer. „Die WM schuf eine tolle Atmosphäre und schöne Bilder“, sagt Rummenigge. Die neuen Stadien erschlossen andere Publikumsschichten. „Wir in München haben seit 13 Jahren fast alles ausverkauft. Im alten Olympiastadion war das nicht der Fall.“ Italien hingegen leide unter einem Investitionsstau seit der WM 1990, lediglich Juventus Turin hat einen Neubau geschaffen. „Unsere Stadien“, sagt Luca Toni, „bringen Chaos. Es gibt nicht mal Parkplätze.“. Familien halten sich fern, weil sie die Ultra-Szenen fürchten.
Und, zweites Problem: Im sicheren Gefühl nach 2006 wurde die Nachwuchspflege vernachlässigt. Toni, ehemaliger Bayern-Spieler (Rummenigge: „Mit ihm und Franck Ribery haben wir den neuen FC Bayern geschaffen“), ist in Verona im Management tätig, er soll gegen Missstände ankämpfen, die sich ausgebreitet haben: „Wir müssen strengere Gesetze machen. Es kann nicht sein, dass Zwölfjährige von Scouts angeworben und nach zwei Jahren fallengelassen werden. Das kann Kinder ruinieren.“
Die Strukturkrise des italienischen Fußballs hat seine Spitze erreicht: Die Squadra Azzurra konnte sich nicht für die WM in Russland qualifizieren, sie scheiterte in den Playoffs an Schweden. „WM ohne Italien, das kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt Rummenigge. „Wir haben den Boden berührt, den tiefsten Punkt erreicht“, leidet Luca Toni, Weltmeister von 2006. Alle Italiener würden einem schlimmen Sommer entgegengehen.
Es trauern ja alle irgendwie mit. Sogar Joachim Löw, obwohl ihm der potenzielle Angstgegner in Russland erspart bleiben wird. „Spieler wie Buffon und de Rossi hätten es verdient, noch einmal dabei zu sein. Große Charaktere, die ihren Vereinen immer treu geblieben, ein Leben für einen Club gespielt haben.“ Und: „Sie waren immer die fairsten Gegenspieler.“
Für die Italiener geht es nun darum, Haltung zu bewahren – so wie sie es getan haben, wenn sie bei der WM, wie 2010 und 2014 geschehen, zu früh ausschieden. Auch in der größten Enttäuschung: Ihr Stammquartier, die „Casa Azzurra“, in der sie die Gäste des Verbandes empfingen und bewirteten, wurde nicht über Nacht geschlossen, sondern öffnete auch noch am Tag nach der Katastrophe. Die Tische waren eingedeckt, die Köche am Herd.
Sami Khedira spielt in Italien, bei Juventus Turin. Er hat die Trauer über die Nicht-WM-Qualifikation nah miterlebt. „Es war ein Schockzustand.“ Inzwischen hätten die Italiener „akzeptiert, dass sie nicht dabei sind“. Dass sie sich eine andere Mannschaft suchen, die sie unterstützen, bezweifelt Khedira: „Allzu viele Fernseher werden bei der WM nicht eingeschaltet sein.“