Am Ende seiner Kräfte

von Redaktion

Im Viertelfinale zollt Alexander Zverev den Strapazen der letzten Tage Tribut und unterliegt Dominic Thiem deutlich

Von Doris Henkel

Paris – Am Ende stand wie fast nach jedem seiner Spiele eine Umarmung für den Gegner, und Alexander Zverevs Glückwünschen für Dominic Thiem fehlte es nicht an Herzlichkeit. Dabei ging es ihm nicht besonders gut. Relativ früh im ersten Viertelfinale seiner Karriere bei einem Grand-Slam-Turnier hatte er einen Schmerz an der Rückseite des linken Oberschenkels gespürt, und es war ihm relativ bald klar geworden, dass er unter diesen Umständen nicht den Hauch einer Chance haben würde. So endete seine Tour in Paris mit einer Niederlage, (4:6, 2:6, 1:6), allerdings auch mit der Erkenntnis, einen großen Schritt in seiner hoffnungsvollen Karriere gemacht zu haben.

Zverev sagt, als er auf dem Court Central erschienen sei, habe er das Gefühl gehabt, auch diesmal fünf Sätze spielen zu können. Beim Einschlagen gut zwei Stunden vor Beginn der Partie habe er ein besseres Gefühl als in der ganzen ersten Woche gehabt, und er habe sich sehr auf die Partie gefreut. Dreimal fünf Sätze innerhalb weniger Tage, so was steckt man gewöhnlich nicht so leicht weg, aber er sieht das Ganze als Beweis für die Qualität seines Trainings mit seinem Fitness-Coach Jez Green.

Vor der Partie hatte es stundenlang geregnet, was sich nachteilig auf Zverevs Tempospiel auswirken musste, Thiems Topspin aber weniger stören würde. Einen Satz lang spielten die beiden ungefähr auf einem Niveau; der Österreicher wirkte stärker, aber Zverev hielt noch mit, obwohl er den Schmerz im linken Oberschenkel schon im vierten Spiel des ersten Satzes beim Rutschen gespürt hatte. Als er zu Beginn des zweiten zum zweiten Mal ein Aufschlagspiel verlor, griff er für alle sichtbar an die Rückseite seines Oberschenkels, das Ganze wiederholte sich ein paar Minuten später nach dem nächsten Aufschlagverlust zum 1:4, danach ließ er sich behandeln, nahm eine medizinische Auszeit und kehrte mit einer Bandage ins Spiel zurück. Aber es war in diesen Momenten längst klar, dass er keine realistische Chance haben würde, dieses Spiel zu drehen. Er gibt zu, natürlich habe er darüber nachgedacht, was er dabei riskiere, mit einer Verletzung weiter zu spielen und ob es nicht besser wäre, sich mit einem Handschlag von Thiem und der gemeinsamen Partie zu verabschieden. „Aber ich wollte zu Ende spielen. Ich wollte, dass am Ende eine Niederlage und nicht eine Aufgabe steht.“

Es ist bekanntlich nicht leicht, sich gegen sichtlich angeschlagene Gegner zu behaupten und die Konzentration nicht zu verlieren, aber Dominic Thiem hatte auch das imponierend gut im Griff. Er ließ sich nicht verwirren, spielte druckvoll und clever – ganz im Stil eines Mannes, der weiß, was er tut. Nach einer Stunde und 50 Minuten spielte Österreichs Bester einen Ball beim dritten Matchball ins leere Feld und landete damit wie in den beiden vergangenen Jahren im Halbfinale. Dort trifft er am Freitag auf den Italiener Marco Cecchinato, der überraschend Novak Djokovic (Serbien) ausschaltete.

Im Siegerinterview auf dem Platz sprach Thiem aus, was die meisten der Zuschauer an diesem Nachmittag dachten: „Ich hoffe, dass wir noch viele Begegnungen auf dieser Ebene und höher bei den Grand Slams haben werden und dass wir dann beide bei hundert Prozent sind.“ Mit dem dritten Halbfinale in Paris (am Freitag) hat Dominic Thiem den legendären Landsmann Thomas Muster überholt, der in Stade Roland Garros zweimal im Halbfinale gelandet war, aber das mit dem Überholen sieht anders. Solange er nicht wie Muster 1995 den Titel gewonnen habe, könne davon keine Rede sein. Bisher, so sagt Thiem, sei er sehr zufrieden mit sich, aber er sei in dieser Woche ganz sicher noch nicht am Ziel angekommen.

Mit welchen Erkenntnissen Alexander Zverev die französische Hauptstadt verließ? Zum einen mit der Gewissheit, nicht mehr mit dem Vorwurf leben zu müssen, für den Härtetest eines Grand-Slam-Turniers nicht reif genug zu sein. „Ich denke“, sagt er, „die Leute können jetzt aufhören, darüber zu reden.“ Die Crux an der Geschichte der dreimal fünf Sätze ist, dass er in diesen Spielen zeigte, dass er nicht nur großartig spielen, sondern mit Leidenschaft und Ausdauer in schwierigsten Situationen Lösungen finden kann. Am Ende trugen die absolvierten Kilometer vielleicht auch ein wenig zu der Verletzung bei, die ihn ziemlich früh im Spiel gegen Dominic Thiem stoppte.

Nach ein paar Tagen Pause zuhause wird er den lädierten Muskel untersuchen lassen, einstweilen gibt er sich der Hoffnung hin, dass es nichts Ernstes ist. Die Tour geht weiter, demnächst auf grünem Boden, und Alexander Zverevs Ambitionen sind nach der Woche der dreimal fünf Sätze in Paris sicher nicht kleiner als zuvor.

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