„Real ist Motivation für uns“

von Redaktion

Mario Gomez über eine Falschmeldung, den Trainer Klose und den Konkurrenten Timo Werner

Eppan – Geschafft! Mario Gomez steht im endgültigen WM-Kader. So sicher war das ja lange Zeit nicht, und es drohte dem heute 33-Jährigen wie schon 2014, dass er das größte aller Turniere verpasst.

-Mario Gomez, am Montagvormittag wurde von einem TV-Sender bereits vermeldet, Sie seien von Joachim Löw aussortiert worden. Man sah sie vom Teamhotel im Auto davonfahren – es wurde als Abreise interpretiert.

Ich könnte jetzt frech oder lieb sein.

-Bitte frech.

Also: Gute Journalisten sollten sich vorstellen können, dass, falls einer nach Hause geschickt wird, nicht mit dem „Best Never Rest“-Mercedes wegfährt. Oder dachte man, ich hätte ihn von DFB-Präsident Grindel zum Abschied geschenkt bekommen?

-Es war nur ein Familienausflug, oder?

Wir hatten einen Tag frei, ich bin einfach aus dem Hotel gefahren, weiter hatte ich nicht gedacht. Dann kriege ich einen Anruf von einem DFB-Mitarbeiter, der sagte, er habe mehr Nachrichten bekommen als an seinem Geburtstag. Ich fragte, was er gemacht hat. Er sagte, ich nicht, du! Es dauerte, bis ich geschnallt habe, was los war und was das für hohe Wellen geschlagen hat. Ich bin auf Twitter und diesen Kanälen nicht so aktiv.

-Sie sind seit kurzem Familienvater.

Jeder, der Papa wird, weiß, dass das vielleicht das schönste Gefühl ist, das man erleben kann. Sein Kind auf die Brust zu legen, das habe ich sehr genossen. Es war nach zehn sehr intensiven Tagen schwierig, von zuhause hierher zu reisen.

-Nun sind Sie ja dabei. Wie beurteilen Sie den Kader, der letztlich zusammengestellt wurde?

Es ist ein sehr spannender Mix hier. Erfahrene Spieler, Weltmeister, einige, die es verpasst haben, andere, die man 2014 noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Bei der Euro 2012 gab es die Spannung zwischen Dortmund- und Bayern-Spielern. Jetzt sind wir alle hier, weil es Spaß macht. Und wir sind für Deutschland hier und nicht unseren Verein. Es ist entspannter.

-Das Ziel ist hoch gesetzt: Titelverteidigung.

Das ist sehr selten und sehr lange her, dass das jemand geschafft hat. Es heißt, dass das in der modernen Zeit nicht möglich ist, jetzt hat aber Real Madrid gezeigt, dass man – sogar zweimal – die Champions League verteidigen kann. Das ist Motivation für uns. Jeder genießt die Trainingseinheiten und gibt Gas, kann am Nachmittag aber auch loslassen. Es ist eine angenehme Atmosphäre.

-Der Anspruch von Mario Gomez an Mario Gomez?

Das anzubieten, was ich anbieten kann als Spielertyp. Wenn der Bundestrainer mich braucht, will ich da sein.

-Wie nehmen Sie Miroslav Klose als Trainer wahr? Er gehört zum Stab von Joachim Löw.

Trainer ist ein großes Wort, wenn man über Miro spricht, denn er ist eigentlich auch noch unser Kollege. Wir haben in der Nationalmannschaft fast zehn Jahre zusammengespielt, daher ist es kein typisches Trainer-Spieler-Verhältnis. Aber: In den letzten zwei Jahren, seit er das macht, hat er sich dahingehend entwickelt, dass er mehr Einfluss nimmt als am Anfang. Da kam er neu rein, hat sich selber wahrscheinlich noch als Spieler gefühlt und war zurückhaltend. Mittlerweile arbeitet er gezielter mit den einzelnen Spielern, gibt Anweisungen, Hilfestellungen, ist immer nah an der Mannschaft, versteht sich eigentlich mit allen gut. Ich glaube, die Bayern haben einen richtig guten Zug gemacht, ihn als Trainer für ihren Nachwuchs zu verpflichten.

-Was kann er raten?

Es ist kein Trainerrat, sondern wie während unserer Karriere: Wir geben uns gegenseitig Tipps, reden über verschiedene Situationen, wie sie aus unserer Sicht ablaufen. Laufwege, Abschlüsse – für einen, der nie Mittelstürmer war, wäre das schwer zu verstehen. Miro wird als Stürmertrainer hingestellt, doch das ist er nicht. Er involviert sich komplett ins Training, hat gute Ideen, ist vollwertiges Trainer-Mitglied.

-Klose war Ihr Konkurrent. Jetzt ist es Timo Werner.

Wir sind Leistungssportler, die 23 besten deutschen Spieler im Moment aufgrund der Nominierung. Wir sind nicht hier, weil wir uns gegenseitig in den Armen liegen, sondern ehrgeizig und leistungsorientiert. Wir alle wollen spielen und puschen uns gegenseitig hoch. Der Chef ist der Trainer, und der stellt auf. Ich habe nicht vor, Timo Werner ein Bein zu stellen, damit er hinfällt und nicht spielen kann. Für Außenstehende ist es vielleicht schwer zu verstehen, dass man seinem Stürmerkollegen Erfolg wünscht, aber so war es immer schon bei mir. Ich kenne die Karrieretiefen und wünsche sie keinem. Rufen wir alle unsere hundert Prozent ab, haben wir eine große Chance, Weltmeister zu werden.

-In der Schlussphase des Spiels gegen Österreich am Samstag waren Sie beide auf dem Platz. Auch eine denkbare Variante?

Jede Konstellation in dieser Mannschaft ist denkbar, wir trainieren viele. Wobei das nicht die Variante ist, von der ich sage: Die ist es.

-Timo Werner müssten sie – von Stuttgarter zu Stuttgarter – schon gekannt haben, als er ein Bub war.

Nein. Persönlich kenne ich ihn erst, seit er in der Nationalmannschaft dabei ist. Zuvor haben sich unsere Wege nie gekreuzt. Ich erinnere mich, dass mir früher beim VfB gesagt wurde: In der Jugend haben wir einen, der so ist wie du: Haut die Dinger am laufenden Band rein.

-Ein Thema rund ums Nationalteam ist die Kritik, der sich Mesut Özil und Ilkay Gündogan ausgesetzt sehen. Was kann man als Routinier – der auch häufig, wenn auch andersartiger Kritik betroffen war – raten?

Jede Person ist für sich anders, man kann es nicht pauschalisieren. Mancher geht offen mit Kritik um, ein anderer zieht sich zurück. Es gibt keine pauschale Lösung, da ist jeder seines Glückes Schmied. Prinzipiell kann ich Spielern nur erzählen, dass – wie meine Karriere gezeigt hat – man dranbleiben und fokussiert auf die Ziele sein sollte. Nach schlechten Tagen kommen immer gute – wenn man Talent und Willen hat. Dass diese 23 Spieler ausgewählt wurden, hat einen Grund: Jeder von uns ist in der Lage, unter Druck das Maximale aus sich herausholen.

-War Ihr Karrieretief der berühmte Fehlschuss von Wien, 2008 im EM-Vorrundenspiel gegen Österreich?

Ich habe nicht verstanden, dass das die Leute emotional so packt. Wenn sie in einer solchen Situation so enttäuscht werden, dauert es, bis das Vertrauen in den Spieler wieder hergestellt ist. Ich dachte, ich muss im nächsten Länderspiel drei Tore machen, dann ist es vergessen. Vor dem Turnier 2008 waren hundert Prozent dafür, dass ich in den Kader gehöre und dass ich spiele, man ging davon aus, dass ich der neue Superstar werde. Dann kam diese Szene. Ich habe lange nicht verstanden, wie die Leute, die mir bis dahin wohlgesonnen waren, ihre Meinung so geändert haben. Ich habe versucht, sie mit Aktionismus auf meine Seite zu ziehen. Im Rückblick sehe ich das alles anders als damals. Doch kein Spieler ist mit 23 so gelassen wie mit 33, man muss die Dinge auch erst mal erleben, um sie einordnen zu können. Für die Karriere hat mir diese Situation viel gebracht, in meiner heutigen inneren Ruhe bin ich schwer aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Das Interview führte Günter Klein

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