München – Vor zwei Jahren empörte sich die Welt über die Schläger aus Russland, die im Hafenbecken von Marseille wüteten, die Engländer verdroschen und sich als Schreckensszene Nummer eins etablierten. Noch mehr Empörung indes provozierte Igor Lebedew, der Vizepräsident des russischen Parlaments, der Duma. „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden“, kommentierte er das Treiben bei der Europameisterschaft in Frankreich „Sie haben unsere Ehre verteidigt. Weiter so.“ Ein ranghoher Funktionär nickt Gewalttaten ab – skandalös. Was würde das für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland bedeuten?
Tatsache ist: Russland hat ein massives Fan-Problem. In den Stadien gedeihen Rassismus und Radikalismus, vor allem in Richtung rechts. In der Liga gibt es massive Rivalitäten: Zenit St. Petersburg gegen die Moskauer Clubs, Spartak gegen ZSKA. Laut einer Studie wurden in den Jahren 2015 bis 2017 zweihundert Fälle schwerer Diskriminierung registriert, in über 150 Fällen dabei rechtsnationale Symbole sichtbar. Und kaum ein Anständiger ist auszumachen, der aufstehen und seine Stimme erheben würde. „CSKA Fans against Racism“ – es gibt nur diese eine Initiative, die sich um ein anderes Bild bemüht.
Die Probleme hat der russische Fußball seit den 1980er-Jahren, als die Sowjetunion Auflösungserscheinungen zeigte. Der Durchschnittsfan bis dahin war der Fachbesucher gewesen, gleichmütig, an den technischen Aspekten des Spiels interessiert, nicht im Übermaß emotional. Wenn er zuschaute, aß er Sonnenblumenkerne, die klassische osteuropäische Stadionnahrung. In den 70ern war der Fan schon etwas hitziger geworden, er fuhr auch zu Auswärtsspielen, er trug einen Schal seines Vereins.
Sofern es einer aus der Großstadt war. Die Provinz lief bei Sowjets und Russen nur so mit. Die Identikation wurde stärker, als der Staat sich wandelte, als das verloren ging, was der Maßstab gewesen war. Die Geheimdienste lauschten in die Fußball-Fanszenen hinein, die ersten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern galten als antisowjetische und bourgeoise Umtriebe.
In den 90ern zerbrach die alte Sowjetunion endgültig, Migranten drängten in die Städte, weil sie dort Arbeit suchten, die Fremdenfeindlichkeit nahm zu. So schildert es der Autor Ingo Petz in „Doppelpass mit Russland“, einem von der DFB-Kulturstiftung herausgegebenen Spezialreiseführer. Die Russen nahmen Einflüsse aus der ganzen Welt auf: Die englischen Hooligans wurden ihr Vorbild, im neuen Jahrtausend orientierte man sich auch an den italienischen Ultras mit ihren Choreografien und Pyroshows.
Was für Russland aber besonders ist: Anders als in Westeuropa mit seinen eher geringen Schnittmengen zwischen den beiden Gruppen, wird in Moskau, St. Petersburg und Krasnodar, dem dritten Zentrum, nicht großartig unterschieden zwischen Ultras und Hooligans. Wer für seinen Club einsteht, haut auch für ihn zu. Und anders als etwa in Deutschland, wo die Ultras mehrheitlich links sind und sich an sozialen Projekten beteiligen, pflegen die Russen Bündnisse mit dem rechten Rand – namentlich mit der RNE, der Russischen Nationalen Einheit. Und mit Denis Nikitin, Er war einer der Anführer vor zwei Jahren in Marseille, er hat ein eigenes Modelabel, das bei den Rechten angesagt ist: White Rex.
Nikitin verdingt sich auch als Veranstalter von Mixed-Martial-Arts-Wettbewerben. Viele Hooligans stammen aus der Kampfsport-Branche, im Internet posen sie in Gruppen mit nackten Oberkörpern. Soll jeder sehen, was sie an Durchtrainiertheit zu bieten haben. Der Kodex für Hooligans in Russland besagt: Kein Alkohol, viel Training. Für den bierbäuchigen und betrunkenen Engländer war es 2016 ein traumatisches Erlebnis, auf russische Kampfmaschinen zu treffen. Das erklärt den Hintergrund der Äußerungen von Igor Lebedew. Stadion- und Stadionumgebungs-Hooliganismus ist für die Russen, für einige, eben auch eine Kampfsportdisziplin. In Polen ist es ähnlich. Bisweilen treten Teams unter der Fanflagge eines Fußballclubs sogar zu offiziellen MMA-Championaten an.
Schon beim Confed Cup 2017 blieb es friedlich
Die Auseinandersetzung mit den Russen sollten die Hooligans aus anderen Ländern also meiden. Erich Rettinghaus von der Deutschen Polizeigewerkschaft rät der deutschen Problemkundschaft, daheim zu bleiben (worauf die Behörden ohnehin achten): „Osteuropäische Hooligans sind ein ganz anderes Kaliber, sie verfügen über ein hohes Gewaltpotenzial und besitzen außerdem Pyrotechnik, die von der Wucht her wie kleine Handgranaten ist.“
Doch werden sich die schweren Jungs aus Russland bei der Weltmeisterschaft austoben können? Konkret ist das nicht zu befürchten. Schon beim Confederations Cup 2017 war nichts von ihnen zu sehen. Russland muss vor den Augen der Welt ein gutes Bild abgeben, deshalb wurde Auftritten von Gewalttätern mit Beschlussfassungen begegnet, die strikte Meldeauflagen an Spieltagen vorsehen. Beim Confed Cup war die Polizeipräsenz auch so massiv, dass nicht mit Gewalttten zu rechnen ist – ein Konzept, mit dem schon Südafrika 2010 Kriminalitätsviertel in Johannesburg zu relativ sicheren Zonen machte.
Es ist auch nicht davon auszugehen, dass Hooligans aus dem Westen in die russischen WM-Städte vordringen werden. Die Fan-ID, offiziell eingeführt, um die Einreisehürden zu senken, ist eine gute Kontrollmöglichkeit, wer ins Land will. Die Falschen werden nicht reingelassen.