DFB für Selbstüberhöhung abgestraft

Der einzige Wert: Erfolg

von Redaktion

Am 14. Mai, einen Tag vor Bekanntgabe des vorläufigen WM-Kaders in Dortmund, begann diese Geschichte um Mesut Özil und Ilkay Gündogan. In den damaligen Turbulenzen dachte man, bis zur Weltmeisterschaft würde sich der Rauch schon wieder verzogen haben. Einen Monat später zeigt sich, dass das nicht der Fall ist. Die Affäre brodelt weiter, und es steht gar zu befürchten, dass sie Auswirkungen auf die sportliche Performance der Nationalmannschaft haben wird. Es ist nicht von der Hand zu weisen: Der DFB hat in seiner Öffentlichkeitsarbeit nicht vorausschauend genug agiert, er hat die Wirkmacht des Themas falsch eingeschätzt.

Doch die Fehler sind nicht in den vier zurückliegenden Wochen gemacht worden, sondern lange zuvor. Als der Verband vor Jahren eine Studie in Auftrag gegeben hatte und seine Politik an deren Ergebnissen ausrichtete. Ihm war bescheinigt worden, dass die Nationalmannschaft so etwas wie die „vierte Macht im Staate“ sei, dass sie Meinung bilde, den Menschen wichtig sei. Von da an war die Selbstüberhöhung der DFB-Elite nicht mehr zu stoppen. Das Auswahlteam sollte nicht nur aus den besten Fußballern gebildet sein, sondern aus den verantwortungsvollsten Bürgern, klügsten Köpfen, sozialsten Typen. Immer öfter vernahm man den Begriff Werte. Werte, für die die Nationalmannschaft und im Grunde der ganze deutsche Fußball stehen soll. Toleranz, Vielfalt etcetera pp.

Es ist ja schön, wenn sie dies tut. Doch der wesentliche Wert der Nationalmannschaft ist: Erfolg. Er ist es, der die Fans unterm Strich interessiert. Die Mannschaft hat seit einigen Jahren Spieler mit Migrationshintergrund, weil sich die Gesellschaft verändert hat, viele Spieler in den Vereinen, auch weit unten an der Basis, Migrationshintergrund haben. Es ist eine Zwangsläufigkeit, die zuvor schon das Einwanderungsland Frankreich erlebt hat, dass eine Nationalmannschaft heute anders konstruiert ist als in den 70er- und 80er-Jahren. Der DFB wirbt nachhaltig um die Akteure, die aufgrund ihrer Familienkonstellation auch für konkurrierende Verbände interessant sind. Özil, Gündogan, Khedira, Boateng, Podolski – sie alle standen mal auf einer Art Transfermarkt. Sie hat man berufen, weil sie Top-Fußballer sind; ihre primäre Rolle ist nicht die des Botschafters für irgendwas.

Der DFB sollte sich in erster Linie wieder als Fußballanbieter verstehen, für eine Rolle als moralische Instanz des öffentlichen Lebens ist er (man blicke nur auf die Sommermärchen-Enthüllungen) nicht glaubwürdig genug. Der Bundestrainer ist nicht Bundeskanzler, der DFB-Präsident nicht Außenminister. Und die Spieler sind oftmals zu jung und daher unreflektiert, um zu Leitbildern abseits ihrer sportlichen Tätigkeit erhoben zu werden.

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