Leverkusen – Die ganze Hilflosigkeit, mit der Ilkay Gündogan dieser vor vier Wochen eingetretenen Wendung in seiner Karriere begegnet, zeigte sich nach dem Schlusspfiff des deutschen Spiels gegen Saudi-Arabien. Es ist ein Post-Match-Ritual im Event-Fußball geworden, dass die Spieler in Richtung der Fans gehen und Gegenapplaus spenden. So wie Schauspieler von der Bühne aus ihrem Publikum Beifall klatschen.
Also patschte auch Gündogan willfährig die Hände aufeinander. Danke, danke, danke. Aber wofür? Die Menschen im Leverkusener Stadion hatten ihn ausgepfiffen, als wäre er der Leibhaftige. Wer von solchen Aversionen getroffen wird, möchte sicher eher im Boden versinken oder schnell das Weite suchen. Aber wie hätte man ihm das ausgelegt? Womöglich als letzten Beweis für die These: lkay Gündogan, der Mann, der zusammen mit Mesut Özil den türkischen Präsidenten Erdogan mit einem Besuch (und er auch noch einer unnötig erbötigen Widmung auf dem Trikot-Geschenk) geehrt hat, gehört nicht zu Fußball-Deutschland.
„Es hat mich geschmerzt“, erklärte Bundestrainer Joachim Löw zum letzten Auftritt seiner Mannschaft vor der Abreise nach Moskau am Dienstag. Er hatte versucht, vom Moment der Einwechslung des Mittelfeldspielers Gündogan an, die Stimmung im Stadion zu korrigieren. Pfiffe, als Marco Reus runterging und sich mit Gündogan abklatschte, Löw drehte sich zur Haupttribüne, hob die Hände, klatschte – zur Ermunterung? Die Körperhaltung – Kampfnacken – verriet mehr: Er war bereit, sich für seinen Spieler und sein Team mit dem Publikum anzulegen. „Ilkay ist geknickt“, sagte Löw hinterher, „das beschäftigt ihn. Was in Russland sein wird – ich weiß es nicht.“
„Wir sagen immer: Das Thema ist beendet, doch anscheinend ist das nicht der Fall“, hat Sami Khedira erkannt. Ein Statement gegen die offizielle Linie des DFB (Direktor Oliver Bierhoff am Tag vor dem Spiel: „Jetzt reicht’s aber mal.“). Auch Mats Hummels sagt: „Man muss darüber sprechen.“
Khedira und Hummels zeigen, dass man die Aktion der Teamkollegen Özil und Gündogan nicht gutheißen muss, trotzdem aber zu einem Modus des normalen Umgangs finden kann. Khedira: „Man kann seine Meinung äußern, das hat jeder getan, und dass viele nicht einverstanden sind, das ist okay. Er (Gündogan, d. Red.) ist trotzdem deutscher Nationalspieler, er bekennt sich zur Nationalmannschaft, zu Deutschland.“ Hummels: „Man kann gegen die Aktion der beiden sein. Aber wir reden auch nicht davon, dass zwei Leute sich über mehrere Jahre Ausfälle geleistet erlauben – es war eine Aktion.“
Hummels führte weiter aus: „Wir hatten eine Superatmosphäre im Stadion, es wurde viel gejubelt, wenn es gelungene Spielzüge gab – doch mit Einsetzen der Pfiffe wurde das komplett eingestellt. Schade, denn der ganze Fokus von außen lag nur noch darauf: ,Wenn Ilkay den Ball hat, müssen wir pfeifen.’“ Manuel Neuer meint: „Ein Spieler muss leistungsfähig sein. Pfiffe schaden ihm – und der Mannschaft. Man kann nicht auf seinem höchsten Niveau spielen.“
Was tun? Neuer hofft, dass sich das Thema in den russischen WM-Stadien einfach legt, „weil wir da nicht vor 95 Prozent Deutschen spielen“ Willkommene Auswärtsspiele. Joshua Kimmich kündigt an: „Ich laufe für Ilkay wie für jeden anderen auch.“ Vielleicht rücken alle enger zusammen, entwickeln eine Wagenburgmentalität – wie bei der WM 2014, als nach dem Algerien-Spiel schlechte Stimmung war.
„Wir nehmen die Spieler in den Arm und sagen: ,Ihr seid unsere Jungs’“, schlägt Thomas Müller vor. „Bei uns wird der Fokus darauf gelegt, dass wir eine Mannschaft sind und unsere Spieler stärken“, sagt Manuel Neuer. Mario Gomez formuliert es im Friedensgruß-Deutsch: „Nicht spalten, sondern Brücken bauen.“ Julian Draxler sagt bestimmt: „Ilkay ist einer von uns.“
Timo Werner fand die Bekundungen der Fans in Leverkusen gegen Gündogan „nicht so schlimm“, er hat eine solche Phase selbst durchlebt. „Ilkay ist ein Superkicker, er wird uns helfen. Ich hoffe, dass er es genauso schafft wie ich und die Herzen der Fans wiedergewinnen kann.“