München – Wladimir Putin war ein guter Judoka. Es gibt viele Bilder, die ihn auf der Matte zeigen. Überhaupt: Er mag solche Darstellungen von sich: männlich, stark, alterslos. Er angelt, er reitet, bevorzugt mit nacktem Oberkörper. Und er geht aufs Eis. Beim Prominenten-Eishockey lassen ihn die besseren Mitspieler seine Tore schießen, aber an Putins Bewegungen sieht man: Die Jagd nach dem Puck ist in Russland Volkssport. Wladimir Putin hat eine solide Grundschule in Schlittschuhlaufen und Stocktechnik genossen.
Ist nur die Frage: Wie steht er zum Fußball? Lange gab es dazu kein griffiges Material – bis 100 Tage vor Start der WM die FIFA ein Video ins Netz setzte. Legenden aus der Welt des internationalen Fußballs wie Carlos Valderrama, Diego Maradona oder Peter Schmeichel hielten vor der Kamera den Ball hoch, ein Ticker zählte die Kontakte mit, die Reise geht um die ganze Welt. Und endet im Kreml. Die letzten Kunststückchen sind FIFA-Präsident Gianni Infantino und Wladimir Putin vorbehalten. Vermutlich wurde länger gedreht als die paar Sekunden, die im Clip zu sehen sind und waren auch ein paar geschickte Schnitte nötig, um die Illusion zu schaffen, dass Funktionär und Politiker die gleich gute Ballbeherrschung haben wie ehemalige Fußballprofis – doch der Film wirkt rund.
Die Aktion ordnet sich ein in eine Tradition der FIFA. Wann immer ein Staatsoberhaupt mit dem Präsidenten des Verbands zusammentraf, wurde ein Ball hervorgeholt. Unausweichlich war diese Prozedur am FIFA-Sitz in Zürich, als dort noch Sepp Blatter amtierte. Da wurde noch jeder Gast auf den anliegenden, von den Fahnen aller über 200 FIFA-Mitgliedsländer umgebenen Platz zu einem Ballwechsel genötigt.
Ist die WM 2018 Putins WM? Es ist eine der am hitzigsten diskutierten Fragen im Vorfeld des Turniers, sie wurde gerade erst auch im ARD-Talk von Anne Will erörtert. Wo Edmund Stoiber meinte: „Putin läuft ja nicht als Mittelstürmer Russlands auf.“ Er werde, so Stoibers Erwartung, bei der Eröffnung zugegen sein, schon weil das zu seinen Repräsentationspflichten gehört, und ab und zu mal bei einem Spiel.
Das ist möglich. Putin dosiert seine Auftritte rund um den Fußball. So war es schon in der ersten Dezemberwoche 2010, als in Zürich die WM-Turniere 2018 und 2022 vergeben wurden. Russland hatte sich als Favorit für 2018 positioniert, doch Putin reiste nicht selbst in die Schweiz – die Gefahr, als Verlierer dazustehen, wollte er nicht eingehen. Er äußerte sich dann erst, als der Sieg eingefahren war, aus Moskau dazu.
Es war eine treibende Kraft der russischen Bewerbung um die Fußball-WM. Eingereicht wurde sie in Zeiten, die mit den heutigen nicht vergleichbar sind. Putin war im Ausland nicht so umstritten wie jetzt. Er war der relativ junge Politiker, der den Gegenentwurf zum aufgedunsenen Boris Jelzin darstellte, er brachte das Land wirtschaftlich in Schwung, das Selbstwertgefühl der Leute stieg. Schon 2010, als Russland den Zuschlag erhielt, hatte sich das Image Putins geändert, er war nun ein Politiker mit autokratischen Zügen, der nicht weichen wollte. Der alte Ost-West-Konflikt brach wieder auf. Durch die Ost-Erweiterung der NATO fühlte sich Russland in die Enge gedrängt.
Um zu verstehen, wie Putin im Sport tickt, ist es wichtig zu wissen, dass er aus St. Petersburg stammt. Der schönen Metropole, die mit Moskau aber in allem rivalisiert. Im Fußball ist Zenit St. Petersburg der gemeinsame Feindes-Nenner der Moskauer Clubs, die sich untereinander mit herzhafter Ablehnung begegnen.
Die für die Bewerbung um die WM zuständigen Leute stammen aus Putins Petersburger Freundeskreis. Witali Mutko, der politisch gar in den Rang des Mannes hinter Putin aufstieg, war Präsident von Zenit, er stand dann auch dem Verband und dem Organisationskomitee für die WM vor. Putin ließ den alten Freund nicht fallen, als der vom IOC wegen seiner Rolle im russischen Staatsdoping eine Sperre bekam.
Mit anderen verfuhr er rücksichtsloser. Er war unzufrieden, wie Wjatscheslaw Koloskow Russland im FIFA-Exekutivkomitee vertrat, einem Moskauer, der sowohl dem nationalen Fußball- als auch dem Eishockey-Verband vorstand – er wollte jemanden bei der FIFA sitzen haben, der ihm nahesteht. Es wurde Mutko.
Das Bewerbungskomitee der Russen wurde nach Putins Vorgaben besetzt. Geschäftsführer: Igor Schuwalow, der sich in der Regierung nach oben gedient hatte. Sprecher: Witali Mutko, der zugleich die Funktionen des Sportministers und Fußballverbandschefs übernahm. Eine führende Position im OK nahm auch Alexej Sorokin ein, ein Buddy von Putin aus gemeinsamen Zeiten beim Geheimdienst KGB (Putin war als Agent in der DDR stationiert). Für die finanzielle Ausstattung der Bewerbung gewann Putin die Oligarchen Alisher Usmanow und Roman Abramowitsch, europaweit bekannt von seinem Engagement beim FC Chelsea in London. Zur St. Petersburger Clique von Putin zählte auch David Traktowenko, einer der Besitzer von Zenit bis zum Verkauf an die Gasfirma Gazprom im Jahr 2006. Von außen kamen nur Markus Siegler und Andreas Herren, die bei der FIFA in der Kommunikationsabteilung gearbeitet hatten.
Sotschi 2014 war das wichtigste Sportereignis in Putins Amtszeit, vor allem das Eishockey-Team verspürte den Druck, Gold abliefern zu müssen – daran zerbrach es. Dass von der Fußball-Sbornaja beim noch größeren Event Weltmeisterschaft nichts Großartiges zu erwarten ist, wird der Präsident wissen. Als er im Oktober vorigen Jahres ein Europa-League-Spiel seines Clubs Zenit St. Petersburg anschaute, urteilte er, dass der Fußball von einem „echten russischen Spiel“ weit entfernt sei. „Da laufen acht ausländische Spieler für Zenit über den Platz. Sehr schön“, sagte er sarkastisch. Der Kommentar eines ziemlich normalen Fußball-Konsumenten.