München – Die in Madrid erscheinende Zeitung „Marca“ ist für ihren Patriotismus und ihre Nähe zu Real bekannt. Vor ein paar Jahren empfing sie den FC Bayern zum Halbfinal-Rückspiel mal mit einer Schlagzeile auf Deutsch. „90 Minuten in Bernabeu können sehr lang sein“, lasen da die Münchner, es war als Kampfansage zu verstehen. Am Wochenende titelte „Marca“ in großen Buchstaben: „Es wird ernst!“ Nur ist das wenige Tage vor dem WM-Auftakt nicht als Kampfansage zu sehen. Sondern als Weckruf. „Marca“ macht sich wie seine Leser Sorgen. Beim 1:0 gegen Tunesien war die „Furia Roja“, die rote Furie, lahm.
Spanien reist zwar als einer der Top-Favoriten nach Russland, gleichzeitig ist die letzte WM noch nicht verdaut. Als Weltmeister schieden die Iberer bereits in der Vorrunde aus, und so wurden nun Erinnerungen wach, wie es laufen kann, wenn man sich zu sehr auf Vorschusslorbeeren ausruht. Nicht nur die „Marca“ würde bei einem neuerlichen frühen Scheitern geharnischte Kommentare parat haben.
Vor allem im Mittelfeld hat Lopetegui eine Auswahl, um die ihn die Welt beneidet. Sogar für einen wie Thiago wird es eng; zwar brillierte der Bayern-Star beim 1:1 im März gegen Deutschland, zählte in sieben Qualifikationsspielen zur ersten Elf und durfte bei den letzten zwei Tests starten. Sergio Busquets aber ist wie Andres Iniesta gesetzt, dazu haben Koke, Isco und David Silva beste Chancen. Thiagos Konzentration stören hingegen die Gerüchte um seine Zukunft. Der 27-Jährige, der an guten Tagen Zauberpässe wie nur wenige andere aus seinem Fußgelenk schüttelt, hat ein Karussell in Gang gesetzt, das mit viel kickender Prominenz besetzt ist.
Es heißt, es zöge ihn aus familiären Gründen zum FC Barcelona zurück. Bei seinem Stammverein gibt es da viele Befürworter – unter anderem Stars, mit denen er einst in der Jugend kickte –, aber auch Entscheidungsträger, die die Doktrin vertreten, man hole keine verlorenen Söhne zurück. Es soll kein Präzedenzfall für Talente entstehen, die sich früh von Millionen-Offerten den Kopf verdrehen lassen und irgendwann reuig zurückwollen. Bei Hector Bellerin (Arsenal) blieb man zuletzt auch prinzipientreu.
Das katalanische Karussell ist mit VIPs gespickt. Für Antoine Griezmann (Atletico Madrid) liegen dem Vernehmen nach 100 Millionen Euro bereit, auch der Däne Christian Eriksen (Tottenham) wäre dem spanischen Meister rund 80 Millionen wert, so heißt es. Im Falle von Thiago sollen die Münchner allenfalls ab einer Summe jenseits der 70 Millionen gesprächsbereit sein, Barcelona möchte aber höchstens 50 lockermachen. Laut Medienberichten modifizierten die Katalanen ihr Angebot am Wochenende; zu den 50 Millionen bieten sie nun den in Barcelona unglücklichen Linksverteidiger Lucas Digne noch als Bonus. Der 24-jährige Franzose, den man im WM-Kader vergeblich sucht, hat zwar nur einen Marktwert von 15 Millionen Euro, doch an der Säbener Straße suchen sie einen Vertreter für David Alaba, da Juan Bernat geht. Noch so ein Name auf dem Karussell. Nicht nur die Redakteure der „Marca“ werden die Wechselbörse des WM-Sommers gespannt verfolgen.